Von Christian Wernicke

Paris, im Juni

Mit dieser Frage mußte Lothar de Maizière rechnen. Ob das Gerücht denn zutreffe, wollte der Dolmetscher wissen, daß der „Monsieur Ministerpräsident“ tatsächlich einmal professionell die Bratsche gespielt habe: „Ja, das stimmt.“ Fortan führten ihn seine Gastgeber noch ein wenig aufmerksamer durch das berühmte Conservatoire National Superieur de Musique. Diesen Hort französischer Kultur hatte de Maiziere „als Herzenswunsch“ nachträglich in sein Besuchsprogramm schreiben lassen; kurzfristig noch war diese Flucht aus der Politik arrangiert worden. Hier blühte er auf, wirkte der ansonsten so schüchtern auftretende DDR-Regierungschef gelöst und gut gelaunt. Seinen „kontinuierlichen Abstieg“ vom Berufsmusiker über den Rechtsanwalt zum Politiker, über den er bisweilen witzelt, hier konnte er ihn für wenige Minuten umkehren.

Ansonsten war de Maizieres Zwei-Tage-Reise an die Seine vor allem ein Arbeitsbesuch; ein Vorstellungstermin, der gleichzeitig schon den Rückzug von der weltpolitischen Bühne einläutete. Der fünfzigjährige Politiker wider Willen gestand lächelnd ein, daß er „lieber ohne die Bürde meines Amtes“ nach Paris gekommen wäre. Aber er nahm sich, wie immer, in die Pflicht: Nüchtern, leise und behutsam beharrte er auch in den Gesprächen mit der französischen classe politique darauf, daß die deutsche Einheit sich als „Prozeß der Vereinigung zweier souveräner Staaten“ vollziehen werde.

Daran hatte Paris am vergangenen Sonntag noch gezweifelt. Denn fast wäre de Maizière als demokratischer König ohne Land, als Staatsmann ohne Staat auf dem Flughafen Orly gelandet. Nach der Feierstunde zum 17. Juni hatte die konservative DSU in der Volkskammer den sofortigen Beitritt gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes beantragt. Ein Handstreichverfahren – so jedenfalls sah es auf den ersten Blick aus. In der Hektik auf den Fluren der Volkskammer ging unter, welche taktischen Tollheiten dieses Parlament geritten hatten: Die Koalition wollte diesen Antrag von Anfang an in die Ausschüsse verweisen; damit sollten ähnliche Überraschungscoups unmöglich werden. Aber allein, daß die Regierung auf solcherlei Manöver angewiesen ist, zeigt doch, wie nervös sie die Stimmung im Palast und in der Republik einschätzt. Den parlamentarischen Schlüssel zum Beitritt habe de Maizière nun wieder in der Tasche, heißt es – freilich um den Preis der beginnenden Selbstdemontage.

Da nimmt es nicht wunder, daß de Maizière im Herkunftsland seiner hugenottischen Vorfahren nur mit einem zweitklassigen Protokoll empfangen wurde. So jedenfalls sahen es Kenner der diplomatischen Usancen, die sich an „den Empfang für einen Bürgermeister aus der Provinz“ erinnert fühlten. Paris sparte Spesen: roter Teppich, ein Dutzend DDR-Fahnen, aber keine Zeit für ein Diner mit Ministerpräsident Michel Rocard. Auch eine Kranzniederlegung am Are de Triomphe fiel aus. Statt dessen stellte der Ostberliner Ministerpräsident hinter der Kathedrale von Notre-Dame ein rosarotes Blumengebinde auf das „Grab des unbekannten Deportierten“, mitten in einer Gedenkstätte, die an über 200 000 in Nazilager verschleppte Franzosen erinnert. Auf der schwarzrotgoldenen Schleife, die de Maiziere vor dem Trommelwirbel und dem stillen Gebet zurechtlegte, fehlten bereits Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Solche symbolischen Akzente vollzieht de Maizière mit ruhiger Würde, ohne jede überflüssige Bewegung. Gerade hier stören den Menschen, was der Politiker ertragen muß: die grellen Scheinwerfer, die seinen Schrecken über die Bilder aus Buchenwald und „von dem Kind mit der Tätowierungsnummer“ aus dem KZ Flossenburg ausleuchten. Anschließende Erklärungen im Nieselregen geraten dürftig, laufen leer in unvollständigen Sätzen. Aber genau dieses unprätentiöse Auftreten beeindruckte auch die Franzosen. Zudem, so schwärmen de Maizières engste Mitarbeiter, „ist der Chef erstklassig bei Gesprächen hinter verschlossenen Türen“.

„Er ist ein Typ, der Sympathien weckt“, verlautete schon am Abend des ersten Besuchstages aus dem Präsidentenpalast. De Maizières erster Termin hatte ihn gleich ins Elysée zu siebzig Minuten vertrauten Gesprächs mit François Mitterrand geführt. Der Präsident gab sich als Zuhörer, solange es um die inneren Aspekte der deutschen Einigung ging – das sei allein Sache der Deutschen. Geduldig hörte er sich an, was der Ostberliner noch vor der Vereinigung „abarbeiten“ will: Einen zweiten Staatsvertrag mit Bonn über die genauen Bedingungen des Beitritts müsse es geben, die fünf Länder der DDR müßten sich konstituieren und der internationale Rahmen für das einig’ Vaterland müsse noch geschaffen werden.