Von Peter Christ

Zwei Kinder, beide Eltern arbeiten: Familien wie die Bartels gibt es zu Hunderttausenden in der DDR. Wie fast alle DDR-Bürger, die nicht die Schalthebel der Partei oder des Staatsapparates bedienten, die keine Privilegien als leitende Mitarbeiter des Stasi genossen, können sie ihre Freude über die politische Wende im Herbst kaum fassen.

Andreas Bartel hat die Nachricht von der Maueröffnung in der Nacht vom 9. auf den 10. November bei der Arbeit gehört. „Wir waren alle wie aufgedreht, ich hab’s nicht geglaubt, dachte, die Kollegen wollen mich verscheißern.“ Petra Bartel hat die Sensation verschlafen und erst am nächsten Morgen im Radiowecker davon gehört. „Ich habe im Bett gesessen und geheult.“ Zu den politischen Aktivisten haben die beiden nicht gezählt: Petra war schwanger und scheute deshalb das Risiko, sich unter die Demonstranten zu mischen. Mit Rücksicht auf die Familie blieb auch ihr Mann zu Hause. Als Zeichen des stillen Protestes gegen das SED-Regime stellten sie allabendlich brennende Kerzen in die Fenster.

Der Erfolg der friedlichen Revolution hat sie überwältigt. Deren Folgen konnten sie damals im November so wenig ahnen wie alle anderen. Die Ungewißheit über das persönliche Schicksal und das Leben der Familie ist seitdem nicht gewichen; so wie den Bartels geht es fast allen DDR-Bürgern. Niemand vermag zuverlässig abzuschätzen, wie die am 1. Juli beginnende Wirtschafts- und Währungsunion das eigene Leben verändern wird. Droht Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher und sozialer Abstieg, oder geht es aufwärts, gelingt der rasche Anschluß an den Wohlstand der Bundesrepublik?

Die Bartels sind jung, Andreas ist 31, seine Frau ein Jahr jünger, Guido fünfeinhalb, und Marco ist erst am Pfingstmontag geboren worden. Der Prenzlauer Berg, wo die Familie wohnt, zählt zu den begehrten Quartieren in Ost-Berlin. Er liegt zentral, Busse, Straßen- und U-Bahnen sind nah, Geschäfte für Lebensmittel und den alltäglichen Kleinkram sind zu Fuß erreichbar, kleine Grünflächen bieten dem Auge Abwechslung und Platz für Muße im Freien. Die kopfsteingepflasterte Seitenstraße, in der die Bartels wohnen, ist ruhig, das Haus ist ein Reko-Bau, also unlängst renoviert. Nur wenige Blocks entfernt sieht es indes schlimm aus. Die Stümpfe abgebrochener Balkone ragen aus dem Mauerwerk, abgefallener Putz hat die Ziegel freigelegt, die Feuchtigkeit dringt ungehindert in die Wohnungen, die Hinterhöfe gleichen Trümmerfeldern.

Mit ihrer Dreizimmerwohnung haben sie großes Glück gehabt. Sie ist knapp neunzig Quadratmeter groß, kostet nur 84,60 Mark Miete, für den Kachelofen im Wohnzimmer und den Ofen im Badezimmer stehen ihnen laut Kohlekarte des Magistrats 1100 Kilo Braunkohlenbriketts im Jahr zu, die nur sechzig Mark kosten; Strom und Gas belasten das Familienbudget nur mit 29 Mark monatlich. Kleinere Mängel, wie den Umstand, daß die Eltern zum Lüften des Kinderzimmers das Oberlicht aushängen müssen, daß der Sohn im geräumigen Hinterhof, der ein idealer Tummelplatz für Kinder sein könnte, nicht spielen kann, weil die Keller des dort abgerissenen Hinterhauses nicht richtig verfüllt sind und der Junge deshalb einbrechen könnte – solche Widrigkeiten tragen sie mit der typischen Gelassenheit der DDR-Bürger, die Schlimmeres gewohnt sind. So auch die Bartels.

Mit Grausen denkt das Ehepaar an die anderthalb Jahre zurück, die es mit dem ältesten Sohn in der Einzimmer-Junggesellenwohnung (mit Außentoilette) des Mannes gehaust hat. Die Windeln und die gesamte Wäsche mußten sie in der Küche trocknen, wodurch die ganze Wohnung feucht wurde, der Säugling schlief auf dem Korridor. Wenn ihr Mann Nachtschicht hatte und tagsüber schlief, mußte die Frau mit dem Jungen den Tag auf der Straße verbringen. Sechs Eingaben an den Bürgermeister mit der Bitte um eine größere Wohnung hatten keinen Erfolg. Erst die siebte, eine sogenannte Wahleingabe kurz vor der Volkskammerwahl 1986, machte den Behörden Beine und verhalf den Bartels zur jetzigen Bleibe. Sie fühlen sich beinahe schon privilegiert, denn mit einer Zweizimmerwohnung hätten sie sich auch beschieden.