Wer nach achtstündiger Nachtruhe morgens wie zerschlagen aus den Federn steigt, tagsüber dann ständig schlechtgelaunt ist und sich nur noch unter Druck konzentrieren kann, der sollte das nicht einfach mit „Midlife-crisis“ übersetzen. Er konnte vielmehr unter den Symptomen eines Schlaf-Apnoe-Syndroms leiden, das vor allem Männer heimsucht: Bei rund fünf Prozent aller Vierzig- bis Fünfzigjährigen treten nächtliche Atemstillstände im Schlaf zehnmal und öfter pro Stunde auf und dauern länger als zehn Sekunden an, ohne daß sie dem Schläfer bewußt werden. Jede solcher Apnoe-Phasen endet mit einer zentralnervösen Aktivierungsreaktion, die Atmung „springt wieder an“. Dadurch wird jedoch die Schlaftiefe nachhaltig gestört, und das bis zu hundertmal pro Nacht. Die Folgeerscheinungen – Konzentrationsstörungen, Leistungsknick, Stimmungsschwankungen und ausgeprägte Einschlafneigung mit regelrechten Schlafanfällen – sind mehr als nur lästig.

So kann ein unbehandeltes Schlaf-Apnoe-Syndrom zu schweren gesundheitlichen Schäden wie Bluthochdruck und Depressionen bis hin zu Invalidität und frühzeitigem Tod führen. Obendrein leben Apnoe-Patienten auch als Verkehrsteilnehmer ausgesprochen gefährlich. Eine amerikanische Studie, bei der fünf Jahre lang der Zusammenhang zwischen Schlaf-Apnoe-Syndrom und Unfallrisiko untersucht wurde, konnte dies inzwischen belegen. Im Vergleich zum Durchschnittsautofahrer errechneten die Wissenschaftler für Apnoe-Patienten ein dreifach erhöhtes Unfallrisiko, gegenüber nachweislich kerngesunden Fahrern steigt ihr Risiko am Steuer sogar auf das Siebenfache an.

Ein ähnliches Ergebnis brachte nun auch eine Untersuchung im Zentrum für Innere Medizin der Marburger Universität. Dort wurden Patienten vor medizinischen Tests zunächst um eine Selbsteinschätzung ihres Unfallrisikos gebeten. Insgesamt führten die Befragten selbst elf von vierzehn Unfälle, in die sie verwickelt waren, auf eigene Müdigkeit, eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit und Blackouts beim Autofahren zurück. Und bei fast siebzig Prozent jener Befragten, die angaben, durchschnittlich einmal im Monat am Steuer einzunicken, wurde später ein schweres Apnoe-Syndrom festgestellt.

Die Marburger Wissenschaftler waren aus Kosten- und Datenschutzgründen auf die Selbsteinschätzung der Patienten angewiesen. Sie streben nun eine wesentlich größer angelegte, objektive Studie in Zusammenarbeit mit den Unfallforschern der Bundesanstalt für Straßenwesen an – ein entsprechender Antrag liegt bereits vor. Genaue Erkenntnisse über die Größenordnung der durch Schlaf-Apnoe-Folgen verursachten Unfälle könnten zu verkehrspolitischen Konsequenzen führen. So schätzten kürzlich Schlafforscher auf einem Kongreß in Straßburg, daß etwa ein halbes Prozent aller Unfälle auf Einschlafen am Steuer zurückgeht. Häufig sind es schwere Unfälle.

Die Schlaf-Apnoe läßt sich sicher diagnostizieren und meist erfolgreich behandeln: medikamentös, etwa mit Theophyllin, das in Teeblättern vorkommt, aber auch mit nasaler Überdruckbeatmung, die den schlafenden Patienten kontinuierlich mit Luft versorgt. Auf einer interdisziplinären Tagung in Marburg wurde auch die Frage obligatorischer Apnoe-Tests angeschnitten – als „amtliche Auflage“ etwa für Berufskraftfahrer, die ständig brisante Ladungen transportieren, oder für das Personal in sicherheitsrelevanten Arbeitsbereichen, etwa der Luftfahrt oder kerntechnischen Anlagen.

Das Sicherheitsrisiko, das monotone Tätigkeiten in sich bergen, hat beispielsweise die Bundesbahn längst erkannt – Züge werden automatisch notgebremst, wenn der Lokführer nicht regelmäßig einen Knopf drückt. Die Effektivität solcher Selbstkontrollsysteme betrachten die Marburger Forscher allerdings skeptisch. Einfache Handgriffe in gleichbleibendem Rhythmus können Apnoe-Patienten auch dann noch korrekt ausführen, wenn Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen nahezu am Nullpunkt angelangt sind – so etwas beherrschen sie buchstäblich „im Schlaf“.

Jutta Hartmann