Von Ulrich Stock

An der Ecke Reginenstraße/Elsbethstraße in der Heldenstadt Leipzig steht ein Haus undefinierbarer Farbe. Graubraun-schwärzlich sieht es aus, triste wie alle Häuser in diesem Viertel abseits vom Zentrum. Doch am Erdgeschoß ist frische Farbe aufgebracht und frische Schrift, und die sticht den wenigen ins Auge, die hier vorbeikommen. Fußgänger bleiben stehen, Radfahrer steigen ab, und wenn ein Trabant passiert, mit Kleinfamilie und Hund, dann kleben die Blicke von Mann und Frau am Eckhaus fest, und magnetisch drehen sich ihre Köpfe nach hinten – nur der Hund schaut ungerührt nach vorn.

„Novum Markt“ verkündet ein Schild, mehr nicht. Aber das genügt.

Donnerstag, 14. Juni: Am Vorabend der Eröffnung des ersten DDR-Pornogeschäftes sind die beiden östlichen Angestellten und der westliche Inhaber („also, offiziell ist das schon ein Jointventure“) mit letzten Vorbereitungen beschäftigt. Jens Sander, 29, vor einem Jahr noch Straßenbahnfahrer bei den Leipziger Verkehrsbetrieben, sortiert batteriegetriebene Gummigeschlechtsteile ins Regal, Detlef Thalmann („wie Thälmann, nur ohne die Striche“), sein 39jähriger Kompagnon, auch er von der Straßenbahn, prüft noch einmal den Reizwäsche-Ständer. 25 DM wird der Rosenbody kosten, der Leopardentanga 69 DM. „So was gab’s vorher gar nicht“, sagt Thalmann, „wir stehen hier an der letzten Mauer des Sozialismus.“

Es ist eine Mauer. „Schweinsladen“ habe eine Nachbarin das Geschäft bezeichnet. Und die Stadträtin für Kultur habe nichts unversucht gelassen, die Geschäftseröffnung zu verhindern („die ist vom Neuen Forum, das sagt alles“). Noch jetzt, keine zwölf Stunden vor der geplanten Eröffnung, stehe die letzte Genehmigung aus.

„Das wird schon“, meint Lothar Schwier, der Chef aus dem Westen. „Den Sex kann man nicht aufhalten.“ Der ehemalige Marktleiter eines Radiogeschäfts hat in Minden und Bad Salzuflen große Pornoläden („Erotikmärkte“) eröffnet. Er weiß: Nirgends ist die Branche gerne gesehen, außer bei ihren Kunden; darin gleichen sich Ost und West.

Die Menschen mit ihren Brüsten, Mündern, Haaren, Schenkeln, Hüften und Hoden sehen in der DDR nicht anders aus als in der Bundesrepublik. Bloß durften sie sich nackt nicht zeigen und sich die Blößen anderer auch nicht zeigen lassen, ausgenommen FKK.