Wenn das Posthorn, mehr oder minder kunstvoll geblasen, in der Ferne ertönte, stürmten jung und alt auf die Straße und sah dem gelben Wagen entgegen. Die Rösser schnaubten, die Räder achzten, der Postillion schwitzte. Wen scherte das? Hauptsache, die Post war da.

Aber bevor sie tagtäglich „dasein“ konnte, mußte sie zunächst auf die Beine, auf Menschen- und Pferdebeine gebracht worden sein. Wie das geschah, demonstriert in Regensburg die Ausstellung „500 Jahre Post“ im Schloß der Fürstenfamilie Thurn und Taxis, deren Vorfahren als Gründer der systematisierten Postzustellung anzusehen sind. Der ehemalige Marstall – heutiges Marstallmuseum – verführt mit 700 Exponaten, teils aus schloßeigenen Beständen, teils Leihgaben aus europäischen Museen, zum Eintreten und Eintauchen in einen beachtenswerten sozialgeschichtlichen Bereich vergangener Jahrhunderte. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde für diese Ausstellung zusammengetragen: Dokumente, Streckenkarten über die Ausweitung des „Postkursnetzes“, Gemälde, Stiche, Posthörner, Botenrollen, Felleisen, seltene Briefmarken, Sonderstempel aus den Pestzeiten.

Anno 1490 hatte ein zukünftiger Kaiser, Maximilian I. von Österreich, einen erfolgssicheren Riecher für Bahnbrechendes. Er berief Mitglieder der Familie Tassis, die in Cornello bei Bergamo ansässig waren und mit Kurierdiensten zu tun hatten, an seinen Innsbrucker Hof. Diese Tassis – später „Taxis“ geschrieben, dem Namen liegt das italienische Wort tasso (Dachs) zugrunde – sollten für Maximilian reguläre Routen zur Beförderung von Mensch, Brief und Wertsachen schaffen. Die erste Strecke ging von Innsbruck nach Mechelen bei Brüssel. Als führender Kopf des Familienclans trat Franz von Taxis in Erscheinung. Er garantierte Kaiser Karl V. feste Beförderungszeiten für alle Postsendungen. Laut Vertrag aus dem Jahr 1516 war ein Brief von Brüssel nach Innsbruck fünf Tage unterwegs. Exakt organisierte Pferdewechselstationen machten es möglich. Für so viel Tempo wurde Franz von Taxis zum Generalpostmeister mit Monopol auf seine unternehmerischen Leistungen ernannt. Sein Planungstalent erwies sich als Goldgrube. Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurden die Taxis in den Grafen- und schließlich in den Fürstenstand erhoben. Sie durften sich nun „von Thurn und Taxis“ nennen, führten den Turm und den silbernen Dachs im Wappen und agierten im 18. Jahrhundert als Stellvertreter des Kaisers auf dem Immerwährenden Reichstag in Regensburg.

Zur Ausübung eines solchen Amtes war ein Thronsessel mit Baldachin schon deshalb unerläßlich, weil, wer dort saß, nur der Fürst sein konnte. Das Prunkstück in Rot, Gold und Silber sticht ins Auge. Unschwer kann man sich den dort sitzenden „Prinzipalkommissar“ vorstellen, der die Beglaubigungsschreiben der Reichstagsabgesandten entgegennahm. Der Etikette entsprechend, trug er die Gala-Uniform eines spanischen Granden. Die Knöpfe und Verschnürungen von Rock und Weste glitzern in der Vitrine.

Zu dem Namen Thurn kamen die Taxis auf Grund von Ahnenforschung, und es hätte mit dem Teufel zugehen müssen, wenn dabei nicht herausgekommen wäre, was herauskommen sollte: nämlich die Abstammung vom berühmten Mailänder Adelsgeschlecht der Torriani. Beauftragte Genealogen brüteten über Stammtafeln; figürliche Darstellungen der urplötzlichen Ahnen wurden gefertigt. Verblüfft betrachtet man die „Ganzfigur eines Caverna Turrianus, comes Valsassina“, mit dem namengebenden Turm (Turri) und drei Lilien auf dem Panzerhemd“ (Katalog). Die danebenstehende Gräfin Clara ist als historische Person ebensowenig belegbar wie das reckenhafte Mannsbild. Was tut’s? Mit Kleinkariertheit kommt kein Mensch zu adligen Vorfahren. Reale Familientier aber bildet der Dichter Torquato Tasso, der dem in Bergamo verbliebenen Zweig der Tassis angehörte. Das Gemälde zeigt ihn dunkeläugig, bleich und ernst.

Man betritt die einstige Reithalle. Die Wände entlang sind Figuren in den Uniformen früherer Briefzusteller postiert. Eine gelbe Postkutsche bestätigt den Verdacht, daß die damaligen Transportmittel durchaus zur körperlichen Ertüchtigung, doch keinesfalls zur leiblichen Wonne beitrugen. Ein Pavillon enthält kostbare Posthörner. In einer Tonbildschau werden sie vorgeführt. Die einzelnen Signale ertönen: Ankunft der Kutsche, Abfahrt, Extrapost, Kutsche in Not. Letztere Tonfolge zieht Mark und Bein zusammen.

Im Briefmarkenpavillon herrscht Belagerungszustand. Warum die unzähligen bunten Papierwinzlinge die Augen der Besucher glänzen lassen, werden nur Philatelisten begründen können. Geht man weiter, gelangt man in jenen Ausstellungssektor, der die einen erschauern und fluchten, die anderen ausgiebig verweilen läßt. Unter dem Titel „Seuchen – Pest – Cholera“ werden Zeugnisse aus den Krisenzeiten der Postzustellung und damit aus den unsäglichen Angstperioden der Menschheit vor letaler Ansteckung gezeigt. Trotz grassierender Seuche sollten alle Sendungen den Empfängern ausgehändigt werden. Nur wie? Da man glaubte, daß miasmatische Luft die Schuld an der Erkrankung trüge, mußten die Briefe „entlüftet und desinfiziert“ werden. Das Entlüften geschah mit der „Perforierzange“. Diese Zange enthält nadelfeine Dorne, die das Papier durchlöcherten. Danach wurden die Briefe geräuchert. Kräuter, Salpeter und Chlor bildeten das Rauchgemisch. Mit der langstieligen „Pest- und Cholerazange“ wurde das Postgut weitergereicht. Viele mit Desinfektionsstempel versehene Briefe reihen sich in den Schaukästen. „Gereinigt von innen und außen“ liest man auf einem Brief, der 1805 von Madrid nach Nürnberg unterwegs war.