Von Fredy Gsteiger

Mit einem Gewehrmagazin und einer Munitionsschachtel beschwert Oberstleutnant Micky Hirschfeld die Landkarte, die er im Garten einer jüdischen Siedlung in den Bergen nördlich von Jerusalem ausgebreitet hat. Am Horizont ist der Smog über Tel Aviv auszumachen. Dorthin weist Hirschfeld mit ausgestrecktem Arm: „Abends sieht man von hier aus, vom andern Ende des Landes, wie dort die Sonne im Meer versinkt. Israel ist winzig.“ Deshalb dürfe kein Zentimeter Land preisgegeben werden.

Auf der Karte zeigt Rafael Horowitz vom Regierungspresseamt die jüdischen Siedlungen im besetzten Westjordanland. Fast ausnahmslos stehen sie auf Hügelkuppen: „Die Siedlungen besitzen für uns nicht nur biblischen, sondern auch strategischen Wert.“ Ein paar Palästinenser könnten die wenigen Bergstraßen sperren und Israels Nachschubwege abschneiden. Wie Micky Hirschfeld und Rafael Horowitz tun sich viele Israelis schwer, ausländische Bedenken gegen den Bau jüdischer Siedlungen in den besetzten Gebieten zu verstehen. Sie wollen „Fakten schaffen im Gelände“.

Angst und Haß prägen viele Menschen in Israel, gerade auch junge, wie der in Österreich lebende Jude Peter Sichrovsky in unzähligen Gesprächen für sein Buch „Die Kinder Abrahams“ erfahren hat. „Ich sage Dir gleich, ich hasse die Araber. Ich hasse sie und habe Angst vor ihnen.“ Und politisch vertraue ich jenen, die meine Angst reduzieren“, erklärte ihm für viele die 26jährige Chagit. Zwar hört, wer mit drei Israelis spricht, vier Meinungen – so lautet das Bonmot. In Sicherheitsfragen jedoch herrscht erstaunliche Übereinstimmung; fast alle malen das Horrorbild eines arabischen Blitzangriffs auf den Großraum Tel Aviv, in dem jeder zweite Bürger Israels lebt. Als vor drei Wochen ein über See eindringendes palästinensisches Mordkommando erst kurz vor Tel Aviv gestoppt werden konnte, loderte die Angst erneut auf. Sie sorgte für das richtige Klima zur Bildung der neuen, nationalistischen Regierung, die dem Volk militärische Sicherheit und Härte gegenüber den Palästinensern verspricht.

Die rechte Likud-Partei Jitzchak Schamirs hat sich mit den rechtsextremen und den ultrareligiösen Splitterparteien zusammengetan und Israel nach über dreimonatiger Regierungskrise die radikalste Regierung seiner 42jährigen Geschichte beschert. Der ohnehin zaghafte Friedensprozeß im Nahen Osten steht erst einmal still.

Hält Jitzchak Schamir, der fast 75jährige alte und neue Ministerpräsident, wirklich noch die Zügel in der Hand? Schamir galt nach Begins Abgang lediglich als Übergangsfigur. Er hat zwar durch seine Zähigkeit manche Zweifler überrascht. Doch konnte sich „des Landes treuester Soldat“, wie Schamir sich selbst gern nennt, in den Koalitionsverhandlungen letztlich nicht durchsetzen. In einem politischen Kuhhandel mußte er den religiösen Miniparteien millionenschwere Zugeständnisse machen, weil er sie als Mehrheitsbeschaffer brauchte – und dies zu einem Zeitpunkt, da Israel jeden Schekel für die Eingliederung der Scharen sowjetischer Juden bitter nötig hat. Ultraorthodoxe Politiker, die Schamir unablässig wegen seiner Vorliebe für nicht koscheres Meeresgetier piesacken, die militärische Niederlagen auf den Dienst von Frauen in der Armee und Verkehrsunfälle auf mangelnde Religiosität zurückführen, bestimmen fortan die Regierungsgeschicke mit. Mit Rafael Pinchasi von der orthodoxen Schas-Partei sitzt neuerdings ein Mann auf dem Sessel des für die bevorstehende Verkabelung des Landes zuständigen Fernmeldeministers, der die Medien als „Instrumente der Korruption“ geißelt, selbst keinen Fernseher besitzt und nie ferngesehen hat.

Auf der anderen Seite braucht Schamir die Unterstützung der rechtsextremen Parteien Tsorret, Tehiya und Moledet. „Araber verstehen nur die Sprache der Gewalt“, davon ist der rassistische Moledet-Führer Rehavam Zeevi überzeugt. Sein Rezept für einen Nahostfrieden: die Massendeportation der Palästinenser aus den besetzten Gebieten. Allein der Gedanke an Friedensgespräche ist für die drei Rechtsparteien eine Schreckensvorstellung – und ihre Anhängerschaft im Volk wächst