Eine der eigenwilligsten Gestalten unter den deutschen Künstlern der Gegenwart ist von der Bühne abgetreten. Der Maler Georg Meistermann, 1911 im bergischen Solingen geboren, erlag am 12. Juni, vier Tage vor seinem 79. Geburtstag, einem schweren Gefäßleiden. Der Tod kam überraschend. Noch in der Woche vorher hatte er an der Übergabe neuer Glasfenster in einer Duisburger Herzklinik teilnehmen können. Ende Mai hatte ihm Bundespräsident von Weizsäcker die höchste Stufe des Bundesverdienstkreuzes verliehen.

Das Maß der öffentlichen Wirksamkeit Georg Meistermanns war groß. Sie war nicht nur Resultat des bildnerischen Werks, insbesondere der neue Maßstäbe setzenden Glasfensterarbeiten für profane und sakrale Gebäude, sondern auch des gesprochenen Worts. Georg Meistermann war ein großer Rhetoriker, der sich als Akademielehrer, als langjähriger Vorsitzender des deutschen Künstlerbundes und als freischaffender Künstler im Spannungsfeld zwischen Kunst und Öffentlichkeit immer wieder Gehör zu verschaffen wußte. Seine Rede war farbig wie seine Bilder, seine kämpferischen Kommentare lösten bei den Adressaten in Politik und Kirche, der er sich als gläubiger Katholik in kritischer Distanz verbunden fühlte, nicht immer Begeisterung aus. Kompromißlos setzte er sich für die Freiheit der Künstler als Voraussetzung für die Freiheit der Künste ein, verbat sich jegliche Einmischung von Staat und Kirche in Fragen künstlerischer Gestaltung, kämpfte für bessere Studienbedingungen an den Hochschulen und bestand auf der Bindung der Kunst ans Soziale, auf ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, an die sie sich wendet. L’art pour l’art genügte ihm nicht – gemäß seiner Überzeugung, daß Kunst gesellschaftlich nur dann wirksam sein könne, wenn sie öffentlich ist. Konsequenterweise ist er daher öffentlichen Aufträgen nicht ausgewichen, sondern hat sie gesucht und dabei den Konflikt zwischen Freiheit und Bindung, Künstler und Auftraggeber bewußt in Kauf genommen. Wichtig war ihm dabei die direkte Ansprache des Betrachters im Vertrauen auf die Mitteilungskraft der Bilder. Dafür hat er auch Einbußen an effektvoller Originalität hingenommen.

In den Jahren nach 1945 gehörte der Schüler Heinrich Nauens und Ewald Matarés mit Willi Baumeister, Ernst Wilhelm Nay oder Fritz Winter zu der kleinen Gruppe von deutschen Malern, die den Anschluß an die internationalen Tendenzen wiederherstellte und deutsche Kunst wieder glaubwürdig machte. Die von harten graphischen Gittern „verriegelte“ gegenständliche Welt des Frühwerks verwandelte sich im Laufe der Jahre in Zeichen und Symbole einer „Welt im Werden“, Ovidsche Metamorphosen wurden bildnerisch: Gestalt („Fisch will Vogel werden“). Die darauf folgende Phase zeigt Meistermann als Bildarchitekten, der wie auf dem Reißbrett „Raumpläne’ und „Grundrisse“ entwarf. Diese spröderen Bilder lassen erkennen, wie ein starkes Temperament sich formal und intellektuell an die Kandare nimmt, mitunter zu Lasten freierer malerischer Entfaltung.

Das Konstruktive tritt dann immer mehr zugunsten weicherer, schwebender Farbformen zurück, zunächst in den „Fastentüchern“ und „Reliefs“: Meditationstafeln von hoher malerischer Kultur, deren „romantische Farbklänge“ in der geistigen Haltung, wenn auch sicherlich nicht in Technik und Bildgestalt, an die Ikonen Mark Rothkos erinnern. In diesen Arbeiten klingt bereits das die späten Jahre beherrschende Thema des Schwebens an. Das Motiv – ein Vogel, eins Schwinge – ist nur noch der „erinnernde“ Ausgangspunkt.

Worum es Meistermann letztendlich ging, war die „Wirklichkeit setzende“ Farbe als spiritualisierte Materie. Das gilt auch für die heiß umstrittenen Portraits (Carlo Schmid, Willy Brandt), in denen Persönlichkeit und Lebenshintergrund der Portraitierten zugleich dargestellt werden sollten; im Falle Willy Brandts („Farbige Notizen zu einer Biographie des Bundeskanzlers Brandt“ ist der Titel) sogar der Ablauf der Zeit.

Georg Meistermann wurde Zuspruch und Widerspruch gleichermaßen zuteil. Ein prominenter Künstler der jüngeren Generation brachte es, als er die Todesnachricht bekam, auf die bündige Formel: „In den Jahren der Jugendrevolte haben wir ihn erbittert bekämpft; aber heute ist mir, als hätte ich einen Vater verloren.“ Karl Ruhrberg