Der Tyrann ist tot, die Tyrannei aber lebt weiter. Die Hoffnung, auch in Rumänien werde nach der Hinrichtung von Nicolae Ceauşescu eine demokratische Ordnung an die Stelle der Diktatur treten, hat der neue Staatschef Ion Iliescu in der vergangenen Woche zunichte gemacht.

Um die Demonstranten vom Bukarester Universitätsplatz zu vertreiben, ließ er Hunderte von Bergarbeitern in die Hauptstadt bringen. Von der Staatsmacht bewaffnet, schlugen diese den Protest hemmungslos nieder, verwüsteten Parteibüros und verschleppten einen Oppositionsführer. Sechs Menschen wurden getötet, mehr als 500 wurden verletzt. Die Hatz auf die Gegner des Regimes ging auch in dieser Woche mit der Verhaftung von drei prominenten Oppositionellen weiter. Insgesamt über tausend Menschen ließ Iliescu ins Gefängnis werfen.

In Bukarest zeigt es sich: Das Revolutionsjahr 1989 hat nicht allen Völkern Osteuropas die Freiheit gebracht. Rumänien jedenfalls ist von demokratischen Verhältnissen weit entfernt. Wo sonst in Osteuropa wurden die Menschen in größerer Angst und Unwissenheit gehalten? Doch was der Westen dem Despoten Ceauşescu allzulange durchgehen ließ, das darf er bei dessen Nachfolger und Nachahmer keinen Augenblick lang tolerieren. Iliescu muß wissen: Im europäischen Haus ist kein Platz für rumänische Verliese. M.N.