Von Josef Müller-Marein

Eines hat die Rundfunk-Atmosphare seit jeher mit der Theaterluft gemein: sie ist vorzüglich geeignet fürs Intrigieren. Eines hat Dr. Grimme, der Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, mit dem Intendanten der Hoftheater-Epoche gemein: sein Geist schwebt über den Dingen, und sein Idealismus hat Aussicht, desto länger unschuldrein zu bleiben, je weniger er sich in die Praxis, in den Alltag seines komplizierten Betriebes, mischt. Jetzt aber wird er auch als Chef einer so großen und bedeutsamen Organisation, wie sie der Nordwestdeutsche Rundfunk darstellt, Farbe bekennen müssen. Denn in Hamburg ist man dabei, ein ausgezeichnetes Orchester in seiner Wirksamkeit zu beschneiden, und dies vorzüglich deshalb, weil es gar zu vorzüglich ist!

Es handelt sich um das Symphonie-Orchester des Nordwestdeutschen Rundfunks, dessen öffentliche Konzerte verringert werden sollen. Der Unfug der angekündigten Regelung war so offenkundig, daß Einsichtige glaubten, ein leiser Wink, ein höflich aufklärendes Wort würden genügen, die Verwirrung zu lösen. Doch weit gefehlt! So erstaunlich es ist – Dr. Grimme, höchster NWDR-Chef, scheint auf der Seite derjenigen zu stehen, die gegen das Orchester, also gegen den Rundfunk, agieren.

Es handelt sich hier nicht nur um eine hamburgische Angelegenheit. Wie nämlich der hansische Kultursenator Landahl – ein Mann, der von der Musik schwärmt wie ein Blinder von der Farbe – in einer Diskussion betonte, leidet das Konzertleben in allen Städten, wo es ein Funkhaus und darin ein Funkorchester gibt, unter der nach seiner Ansicht bedauerlichen Tatsache, daß diese Klangkörper die Angewohnheit haben, nicht nur vor dem Mikrophon, sondern vor einem leibhaftigen Publikum zu musizieren. Das sei eine bose, unstatthafte Konkurrenz gegen die städtischen Orchester. Als ob nicht jede Art von Wettstreit, zumal auf künstlerischem Gebiet, von hohem Nutzen wäre.

Und dem allen sehen ein Generaldirektor und ein Intendant in gemächlicher Schein-Objektivität zu. Wären sie nur öfter in die öffentlichen Konzerte ihres eigenen Orchesters gegangen, dann wüßten sie vermutlich, welchen Standpunkt sie einzunehmen hätten und was die ganze Hetze auf sich hat: es ist der Aufstand der Mittelmäßigen. Und dies sollte man allgemein so ernst wie möglich nehmen, auch wenn es sich hier „nur“ um ein kulturpolitisches Gebiet und „nur“ um Hamburg handelt, die größte westdeutsche Stadt immerhin, die nicht nur eine große wirtschaftliche, sondern eine ebenso hohe kulturelle Tradition hat. Was hier dem grünen Holz (des Taktstocks) geschieht, läßt Rückschlüsse auf manch anderes zu, an dem wir in Westdeutschland kranken

Die „Kulturoffiziere“ der Engländer, die einmal den Rundfunk und dessen Orchester aufbauen halfen, sie sind vielleicht keine großen Fachleute gewesen, aber sie waren begeistert für die deutsche Musik, sie waren fest entschlossen, to make the best of it! Haben sie es doch tatsächlich fertiggebracht – obwohl der Möglichkeiten unkundig – nicht Nullen, nicht Mittelmäßigkeiten, sondern – und dies muß man ihnen danken! – Köpfe zu engagieren, darunter diesen Dr. Schmidt-Isserstedt, den künstlerischen Chef des NWDR-Symphonie-Orchesters, dem heute die internationale Musikwelt bestätigt, daß er nicht nur ein großer Dirigent, sondern ein großer Orchester-Erzieher und obendrein – was heute wohl noch mehr zählt – ein Mann von kulturell wegweisendem Format ist. Er hat die modernen Künstler gefördert, hat die zunächst in krasser Ablehnung verharrende Jugend für die Moderne gewonnen. Er hat ein Programm. Er weiß, was er künstlerisch will. Und eben darin ist er in Hamburg konkurrenzlos.

Isserstedt aber hat innerhalb des Rundfunks im Leiter der Musikabteilung einen Chef, der sich persönlich der Unterhaltungsmusik verschrieben hat, die zwar sehr wichtig ist im Funkprogramm, aber doch künstlerisch von mittlerer Bedeutung. Und auch dies muß geändert werden; denn wenn Männer von der Qualität Isserstedts schon einen Chef brauchen, gut, so gebe man ihnen wenigstens einen Chef, der sie versteht; das wäre doch wohl das mindeste! (gekürzt)