Als die alten Eidgenossen ihren Rütlischwur ablegten, gelobten sie, sich gegen jegliche Einmischung fremder Vögte zu wehren. Dies bekommt nun, fast 700 Jahre später, der Papst zu spüren. Er hat ihnen den erzkonservativen Bischof von Chur, Wolfgang Haas, aufgedrängt.

Eine Viertelstunde lang läuteten im Kanton Zürich, der zum Bistum Chur gehört, aus Protest gegen Haas’ Amtsantritt die Kirchenglocken. Selbst die Schweizer Bischofskonferenz, die vergangene Woche im Kloster Einsiedeln tagte, mußte „schwerwiegende Probleme“ zugeben. Doch je stärker der Widerstand gegen ihn wird, um so beharrlicher klebt Haas an seinem Sessel. Gerade die Anfeindungen deutet er als Zeichen, daß Gott auf seiner Seite steht.

Sein absolutistisches Herrschaftsverständnis, sein Mangel an Toleranz und Demokratieverständnis treiben die helvetischen Katholiken in Scharen aus der Kirche – nicht nur in Zürich, sondern selbst in der konservativen Zentralschweiz. Einen Bischof, der im Grunde die Beschlüsse des zweiten vatikanischen Konzils ablehnt, der des Papstes enge Sexualmoral predigt, der gegen ökumenische Abendmahlfeiern, gegen verheiratete Priester und Frauen als Pfarrhelfer, aber für die Messe in lateinischer Sprache eintritt, lehnen die meisten Eidgenossen ab.

Auf einer großen Demonstration vor dem prunkvollen Churer Bischofspalast forderten sie den Papst auf, Haas nach Rom zu „befördern“. Die Zürcher erwägen gar eine Abspaltung vom Bistum Chur; doch ein eigener Bischofssitz in der Stadt des Reformators Zwingli ist problematisch.

Auch auf politischer Ebene wird gegen Haas gekämpft: „Das Volk soll nicht bezahlen, wen das Volk nicht will“, meint der in Tübingen lehrende Schweizer Theologe Hans Küng; auf ihn beruft sich die Zürcher Synode, welche die Zahlungen an den Bischof aussetzen will. Die Regierung in Chur weigert sich, den Liechtensteiner Haas anzuerkennen, da er laut Gesetz Kantonsbürger sein müßte. Im Unterschied zu seinem Vorgänger findet sich diesmal keine Gemeinde bereit, ihm mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft über diese Hürde zu helfen. Schließlich überlegen Politiker in Bern sogar, den päpstlichen Nuntius zur Persona non grata zu erklären. Andere wiederum fordern, daß die Eidgenossenschaft eine Botschaft im Vatikan errichtet. Mit der päpstlichen Garde allein läßt sich in Rom offensichtlich nicht genügend Einfluß nehmen.

F. G.