Ich lebe nichtSeite 8/20
JELINEK: Ja, ich stehe natürlich auf der Seite der Opfer.
Sind das immer die Frauen?
JELINEK: Nicht immer, aber es ist die Regel. Wollen Sie leugnen, daß bis heute die Macht zum großen Teil in den Händen der Männer liegt?
Nein, aber wurden sich Frauen, die Macht haben, anders verhalten?
JELINEK: Es gibt ja Beispiele. Selbst eine Margaret Thatcher ist mit einem Hitler nicht zu vergleichen. Einen weiblichen Hitler hat es noch nicht gegeben. Aber natürlich haben Frauen die Hitlers und Eichmanns erzogen. Das muß man schon sehen. Ich weiß um die dämonische Macht der Mütter. Ich weiß auch, daß es in den Konzentrationslagern Frauen gab, die zu äußerster Brutalität fähig waren. Das waren Gehorsamkeitsübungen. Frauen können auf schreckliche Weise Komplizinnen sein, weil sie die Neigung haben, sich an Mächtige anzulehnen. Aber sie haben immerhin dieses System nicht hervorgebracht. Frauen vernichten eher im Hintergrund, schattenhaft, ohne diese brüllende, direkte Gewalt. Ich kenne Frauen, die eine stille, aber beängstigende Aggressivität entwickeln aus dem Bewußtsein ihrer Machtlosigkeit. Denen traue ich zu, daß sie in Supermärkten heimlich Limonadeflaschen vergiften oder auf andere Art unerkannt Leute ermorden.
Wären Sie dazu nicht auch imstande?
JELINEK: Ich habe einmal gesagt, vielleicht wäre ich eine Lustmörderin, wenn ich meine Aggressionen nicht im Schreiben hätte kanalisieren können. Aber das ist natürlich ein Quatsch. Ich hatte als Kind sadistische Phantasien mit kleinen Tieren, die ich durch Einschnürungen und Abreißen von Gliedmaßen gequält habe, langsam und stundenlang. Aber das war völlig abstrakt. Ich habe Tiere immer geliebt. Der kleinste Käfer ist mir absolut heilig.




