Wochenlang galt die deutsche Börse als Stiefkind der internationalen Kapitalmärkte. Während die Wallstreet immer neue Indexrekorde meldete und Japans Börse sich Zug um Zug von ihrem Frühjahrstief erholte, dümpelten deutsche Aktienkurse lustlos vor sich hin. Vor dem 2. Juli, dem Start der Währungsunion, werde sich an der Börse nicht mehr viel tun, war die vorherrschende Meinung. Bis dahin empfehle sich „Abwarten, Tee trinken und Fußball schauen“, schreiben die Volks- und Raiffeisenbanken ihren Kunden.

Ausländische Investoren sehen das offenbar anders. Angeregt von Empfehlungen Londoner Brokerhäuser, verstärkte sich bereits am Montag dieser Woche das Interesse an deutschen Aktien. Doch richtig los ging es erst einen Tag später. Während alle anderen Weltbörsen Kursverluste beklagten oder ihr Niveau mit Müh und Not halten konnten, wurde Frankfurt mit Kaufaufträgen aus England, Japan, Amerika und der Schweiz geradezu überschüttet. Heimische Händler brauchten Stunden, um sich auf die neue Situation einzustellen. Erst nachdem am Dienstag die Börsensitzung schon halb vorüber war, sprangen sie auf die Kaufwelle und gaben dem Kursanstieg noch einen zusätzlichen Schwung. Bis Börsenschluß hatte der Dax um über zwei Prozent zugelegt.

Zu den Gewinnern zählten vor allem Aktien mit „DDR-Phantasie“, wie Mannesmann, VW, Kaufhof und Karstadt. Aber auch die bei Ausländern besonders beliebten Standardwerte Siemens, Deutsche Bank und Daimler verzeichneten zweistellige Zuwachsraten. Und selbst die Aktie der Leverkusener Bayer-Werke legte zu, obwohl deren Vorstand am gleichen Tag vor Aktionären einen erwarteten Umsatzrückgang verkünden mußte. Als eine Woche zuvor auf der Hauptversammlung der Konkurrenzfirma Hoechst ein rückläufiges Ertragswachstum prognostiziert wurde, war der Hoechst-Kurs noch kräftig eingebrochen.

„War heute bereits der Start für die eigentlich erst nach dem 2. Juli erwartete DDR-Hausse?“ fragte sich am Dienstag in Frankfurt mancher Börsianer. Und der Hessische Rundfunk zitierte in einer Direktübertragung vom Parkett sogar einen Händler, der vom möglichen Beginn einer „Jahrhunderthausse“ sprach. Die meisten Wertpapierexperten indes warnen vor zuviel Euphorie. Der deutsche Aktienmarkt habe nach den vielen mageren Wochen einen großen Nachholbedarf. Der plötzliche Kursaufschwung dürfe deshalb nicht überbewertet werden. Und ob die Währungsunion ein wirtschaftlicher Erfolg werde, müsse sich erst herausstellen. per