Von Rainer Schauer

Nun konnte nichts mehr geschehen. Father Dillaney, der Inselpfarrer, war da, Tom aus Dublin, Mary, seine Frau, und Derrick aus Cork. Mit denen konnte man reden. Stevens Dirrane, Besitzer von „Gilbert’s Cottage“, hatte in dem alten, gußeisernen Ofen vier Laibe Brot gebacken, frisches, weiches Trinkwasser aus der nahe gelegenen Quelle geholt, und die Fähre hatte etliche Kartons, gefüllt mit gutem italienischen Wein, vom Festland herübergebracht. Hinter dem Haus lagen Zentner von Kohle und Torf, genug, um das Kaminfeuer nicht ausgehen zu lassen.

Sollte jetzt der Sturm an Stärke zunehmen und die Flug- und Fährverbindungen nach Galway unterbrechen, sollte das Meer meterhohe Schaumkronen werfen und der Regenhimmel auf die Erde stürzen, dann würden die grauen Tage und die langen Nächte zu ertragen sein – auf Inishmore, der größten der drei Aran-Inseln, eine Welt aus Stein in der Bucht von Galway an der Westküste Irlands.

Am Abend aber, zur Zeit des Sonnenuntergangs, legte sich plötzlich der Sturm, und die rauhe See verflachte zu einem Spiegel. Das ununterbrochene Singen des Windes in den Stromleitungen, sein hohles Pfeifen zwischen den steinernen Wällen, die die handtuchgroßen Felder umgaben, und das ferne Donnern der Brandung waren nicht mehr zu hören.

Eine unwirkliche Stille lag nun über der Insel, über der mit dem Beginn der Nacht ein neuer Schöpfungstag zu beginnen schien – von so einer gewalttätigen Schönheit war der Sonnenuntergang: Feuergarben schossen hinter schneeweißen Amboßwolken in einen Himmel von der Farbe ausgeglühter Schlacke hinein. Goldfarbene Säume legten sich um die Wolken, unter denen sich silbernes Licht in Wellen ausbreitete und die Strukturen der Insel und des Meeres in flirrende Punkte auflöste. Auf der Wiese neben dem Haus erfaßte das wandernde Licht einen weidenden Schimmel, der sich in ein Feenpferd zu verwandeln schien, in eines der weißen Rösser von der Insel Avalon, dem Traumreich der Kelten und der Schattenheimat ihrer Druiden. Dort, bei den legendären Vorfahren, liegen noch immer die verborgenen Wurzeln der Iren.

Tim Robinson, der Schriftsteller aus Galway, hat in seinem soeben veröffentlichten Buch „Stones of Aran – Pilgrimage“ geschrieben: „... gegenwärtig ist das Irische eine kraftvolle Realität auf den Aran-Inseln ... und einer der Gründe für die Faszination der Außenwelt für diesen kahlen, kleinen Ort... Über ein Jahrhundert lang waren rousseausche Nostalgie und nationale Emotionen die wundertätigen Bestandteile eines Zauberspruchs, der sich mit dem Namen Aran-Inseln verband. Keltenjünger jeglicher Spielart machten eine Wallfahrt zu den Arans. Nach den Altertumsforschern kamen die Linguisten, Ethnologen und Folkloristen, dann die Schriftsteller und Poeten, die Filmemacher und Journalisten.“

Sie alle strickten an einem Mythos, der sich in dieser Dichte nie über die anderen Inseln an Irlands Westküste legte – entweder weil die Bevölkerung Englisch sprach und sich so der keltischen Spurensuche entzog oder diese Inseln keine literarischen Propagandisten fanden.