Martin Ahrends: Kleine DDR-Sprachschule (Will) wie Transparent

Transparent ist ein Reizwort; damit verbindet sich in der DDR alles, was sich an Spruchbändern und -tafeln über und neben den Straßen, an Schulen, Behörden, Betrieben, sogar in den Auslagen der Lebensmittelgeschäfte fand: die sogenannte Sicht-Agitation. Das Wort steht für eine Überflutung mit allbekannten und kaum mehr wahrgenommenen Losungen, Aufrufen, Selbstverpflichtungen von Betriebsbelegschaften, Selbstverherrlichungen der Staatsmacht. Transparente mit davon abweichendem Inhalt wurden in Demonstrationszügen rasch ausfindig gemacht, ihre Träger festgenommen. Rote Transparente gingen auf die Initiative der SED, blaue auf die der FDJ zurück.

Die Sicht-Agitation war zumindest in einem Punkt der Werbung im Westen ähnlich: Sie bewirkte Desinteresse am öffentlich Sichtbaren und gab zugleich die Gewißheit, daß da eine Macht das Öffentliche besetzt hielt, der man auch durch Desinteresse nicht entrinnen konnte.

Tranenpavillon hieß die Grenzübergangsstelle am Bahnhof Friedrichstraße im Volksmund, die für die Ausreise der West-Besucher vorgesehen war. Im Wort steckt die Selbstironie, die den Berlinern stets geholfen hat zu überleben.

Taigawolf wurde eine aus der Sowjetunion importierte Diesellokomotive genannt, die ihren Namen einem weithin hörbaren Motorgeheul verdankt.

Tierproduktion hieß die industriemäßige Haltung, Zucht, Verarbeitung landwirtschaftlichen Nutztiere (das Pendant: Pflanzenproduktion). In beiden Worten steckt ein typisches Mißverständnis, nämlich der Irrglaube, daß man Tiere oder Pflanzen produzieren könne. Typisch ist dieser Irrtum deshalb, weil er auf die sozialistische Ideologie zurückweist, auf eine besonders radikale Variante des neuzeitlichen Machbarkeitswahns.

Der Irrglaube, eine Gesellschaft sogar bis in Details hinein planen und beherrschen, sie „entwickeln“ zu können, ist vielleicht der Kern sozialistisch-totalitärer Anmaßung. Die Propaganda-Sprache hat dafür bezeichnende Belege geliefert, zum Beispiel das unscheinbare Wörtchen tiefgreifend, womit häufig und gern die sozialistischen Veränderungen gekennzeichnet wurden. Auch die propagandistisch beliebten Attribute „umfassend“ und „allseitig“ oder gar „allumfassend“ gehören in diesen Zusammenhang; gemeint ein lückenloser Zugriff auf (gesellschaftliche) Wirklichkeit, Tiefenwirkungs-Ambitionen, die man allenfalls einer Putzfrau als Tugend würde anrechnen dürfen.