Das deutsche Volk hat nicht an der geteilten Nation gelitten Nationen sind abstrakte Begriffe Nur Menschen existieren Die Verweigerung der Vergangenheit ist das große Leiden der Deutschen Wieder und noch einmal wird die verlorene, geleugnete Kindheit zur Wiege der Nation Einheit – staatliche – nationale Einheit – als Kur Als Heilmittel, als magische Wiederinstandsetzung der deutschen Geschichte “

Solche Satze, werden manche zunächst vermuten, müssen sicherlich von einem dieser frustrierten intellektuellen Spielverderber stammen, die sich nach dem 9 November auf die Suche nach den verlorenen Idealen der DDR begeben haben, statt die staatliche Einheit als die Wiedergeburt der deutschen Nation zu preisen Doch falsch Diese Sätze stammen von Katharina von Bulow In Deutschland unbemerkt, erschien vor einiger Zeit in Frankreich ihr Buch „Deutschland zwischen Vater und Sohn“, das von der Sorbonne mit dem Henri-Hertz-Preis ausgezeichnet wurde

Eine Intellektuelle ist die heute in Paris lebende deutsche Schriftstellerin und Journalistin von Bulow ganz gewiß, eine Spielverderberin, die deutsche Einheit betreffend, gewiß nicht Ihre Lebensgeschichte und ihr Buch unterstreichen dies Mit vier deutschen Welten ist Katharina von Bulow in Beruhrung gekommen Das kaiserliche Deutschland war ihr vertraut durch ihren Großvater, der preußischer Gesandter in Hamburg war und Duzfreund von Kaiser Wilhelm II, ihr Vater war Diplomat im Weimar- und im Hitler-Deutschland – sein Bruder ein Patenkind von Bismarck, in der Ostzone verlor sie ihre Kindheit, in der Bundesrepublik den Glauben an die Nachkriegswerte, aber nie die Hoffnung, daß beide Teile Deutschlands eines Tages wieder zusammenfinden wurden

Mit ahnender Vorausschau schrieb sie, „die Russen haben den Deutschen zwar Hemd und Hose genommen, aber nicht ihr Deutschsein Deutsche Demokratische Republikaner sind so deutsch wie ihre bundesdeutschen Kollegen Kommunismus schließt Heimatgefuhle nicht aus “ Aber, so warnt sie einige Seiten weiter, keine noch so großzügige deutsche Geschichtsschreibung sollte versuchen, die nationale Einheit als wiedergefundene Unschuld, als Heilmittel gegen die Wunden der Vergangenheit zu interpretieren Dies wurde nur neue Lebenslugen produzieren

Geboren wird Katharina von Bulow in Bulgarien, lebt dann in Berlin und spater in Zielenzig, einem kleinen Dorf in Ostpreußen, 150 Kilometer östlich von Berlin Nach der Flucht aus Polen verbringt sie einen Teil der Kindheit in Meiningen im Thüringischen und dann am Falkensee, eine Stunde von Potsdam entfernt 1949 flieht sie mit ihrer Mutter, einer geborenen Grube und bis 1930 Primaballerina an der Staatsoper Berlin, heimlich über die Grenze nach Bamberg, kurz darauf findet man Zuflucht in einem Herrenhaus der Familie des Vaters in der Nahe von Gottingen Der Vater, Adolf von Bulow, ein hoher Beamter unter Ribbentrop, wird 1941 strafeingezogen Den letzten Brief von ihm erhält die Mutter Weihnachten 1944 Danach ist er verschollen

Für Katharina von Bulow ist der Vater schuldig und tragische Figur zugleich Er steht als Stellvertreter für alle Vater, die durch Mitmachen den Nationalsozialismus getragen haben, er ist die Symbol- und Schlusselfigur in von Bulows Leben, der Grund, warum sie dieses Buch schreibt Es ist der Versuch, sich mit dem Vater auseinanderzusetzen, zu versöhnen, um dadurch ihrem Sohn Zukunft zu ermöglichen „Was bleibt mir anderes übrig als zu hoffen, daß Sohne Zukunft sind und nicht ewiges Versagen der Gerechtigkeit “

„Ich habe mich gefragt“, schreibt Katharina von Bulow im Epilog, „was ist Erinnerung’“ „Habe gehofft, durch den gewollten, systematischen Rückgriff auf Vergangenes, der Versöhnung die Tür zu offnen Habe den Bibelspruch ernst genommen und geglaubt, daß die Kinder und Kindeskinder für die Verbrechen der Eltern zumindest mit-verantwortlich sind Ich weigere mich, durch symbolischen Vatermord oder bewußtes Abwenden von dem Ort, wo das Schreckliche nun einmal passiert ist, mir die Zukunft wie ein neues Kleid über den Kopf zu stülpen “ Das wäre für sie Verrat gewesen, Verrat am Vater, an ihr selbst und an ihrem Sohn