Von Paul Kennedy

NEW HAVEN. – Bevor Bismarck 1862 in Preußen an die Macht kam, bestand Deutschland aus 39 getrennten, mal größeren, mal kleineren Staaten. Als er am 18. März 1890 durch Wilhelm II., den ehrgeizigen jungen Kaiser, in den Ruhestand befördert wurde, hinterließ er ein einheitliches Deutsches Reich mit dem schlagkräftigsten Militärapparat der Welt und ein Land, das rasch zum wirtschaftlichen Motor Europas wurde. Diese Verbindung von militärischer und wirtschaftlicher Macht, die auf einer zahlenmäßig starken, gut ausgebildeten Bevölkerung aufbaute, verschob das Gleichgewicht der Kräfte in Europa und trug wesentlich zum Ausbruch der beiden Weltkriege führten.

Wer heute über die „deutsche Frage“ nachdenkt, muß diese geschichtlichen Erfahrungen mit dem Bismarckschen Reich berücksichtigen. Denn noch heute wird die Einstellung der Polen und Tschechen, der Russen und selbst der Franzosen zur bevorstehenden deutschen Wiedervereinigung von der Erinnerung an all das beeinflußt, was ein übermächtiges Deutschland ihnen einst antat. Ihre Sorge wurde kürzlich auf einem Titelbild des Londoner Economist verdeutlicht: Ein doppelköpfiger Deutscher zeigt sich da, oben lächelt zufrieden ein bayerischer Bauer, unten jedoch, dreht man das Bild um, blickt ein geharnischter preußischer Militarist (dessen Züge an Bismarck erinnern) drein. Wird das vereinte Deutschland erneut den Frieden Europas bedrohen?

Zunächst einmal wird dieses Deutschland mit seinen achtzig Millionen Einwohnern die bei weitem stärkste Wirtschaftsnation Europas sein. Das folgt schlicht und einfach aus der besseren Qualität vieler deutscher Produkte, aus der Leistungsfähigkeit deutscher Arbeitskräfte, aus einer ausgeprägten Tradition guten Designs und guter Konstruktion sowie aus der Tatsache, daß Produktionsstätten und Infrastruktur modernsten Standards entsprechen. Deutschland war vor 1914 und vor 1939 der wirtschaftliche Magnet Osteuropas. Mit dem Fortfall des Eisernen Vorhangs wird es diese Rolle wieder einnehmen – für Osteuropa und darüber hinaus.

Nun ist keineswegs gesagt, daß dies im Zeitalter multinationaler Unternehmen und der Europäischen Gemeinschaft noch die gleiche Bedeutung hat wie ehedem. Aber wichtiger ist eine andere Frage: Könnte die wachsende Wirtschaftskraft der Deutschen sie wieder einmal auf die Idee bringen, den Kontinent auch politisch beherrschen zu wollen? Dies war die langfristige Folge der Bismarckschen Einigung. Wird es auch jetzt wieder die Folge sein?

Natürlich läßt sich eine solche Entwicklung nie ganz ausschließen. Aber alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Antwort auf diese Frage ein klares Nein ist. Zum einen wird Deutschland diesmal von unten durch den demokratisch erklärten Willen des Volkes vereint, nicht von oben, wie seinerzeit durch Bismarcks Geschick in der Außenpolitik und die Erfolge der preußischen Armee auf dem Schlachtfeld. Die heutige Vereinigung ist das Ergebnis friedlichen Drucks, nicht kriegerischen Zwangs. Im neuen Deutschland ist die Armee in einem demokratischen System verankert und nicht, wie zu Zeiten Bismarcks und danach, ein „Staat im Staate“. Zudem finden bei der heutigen Generation der Deutschen militaristische Traditionen und übertriebener Nationalismus kaum noch Widerhall.

Und schließlich liegen die Dinge heute auch deshalb anders, weil das vereinte Deutschland aller Wahrscheinlichkeit nach in einem Sicherheitssystem Aufnahme findet, das von jenem der Bismarck-Zeit meilenweit entfernt ist. Damals wetteiferten die europäischen Großmächte um Macht und Einfluß; sie betrachteten die meisten ihrer Nachbarn als potentielle Gegner und den Krieg als legitimes Mittel nationaler Politik. Nun ist das gegenwärtige Sicherheitssystem Europas gewiß nicht ohne Fehler; der Verfall des Warschauer Pakts stellt auf längere Sicht auch die Nato in Frage. Darum müssen die Vereinigten Staaten, ihre Verbündeten in Europa und die Sowjetunion ihre Abrüstungsbemühungen verstärken und über neue Strukturen nachdenken, die allen europäischen Staaten Sicherheit gewähren und lokale Konflikte um Minderheitenprobleme oder Grenzstreitigkeiten einzudämmen vermögen.