Von Joachim Fritz-Vannahme

Ali Benhadj ist ein Savonarola des algerischen Islam. Der Prediger aus Algiers Vorstadt Kouba droht einer ganzen Nation: „Eines Tages wird Frankreich teuer bezahlen für die Massaker, die es einst hier beging. Wir haben das Blut der Märtyrer nicht vergessen.“ Sein Mitstreiter Abassi Madani setzt dagegen ein sonniges Lächeln auf und redet Frankreich wie einem ungezogenen Nachbarn milde zu: „Ich glaube, daß den Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien herrliche Tage bevorstehen.“

Und doch ist Madani inzwischen „der Mann, der Frankreich Angst einjagt“, wie das Pariser Nachrichtenmagazin Le Point schreibt. Seit seine Front islamique du salut (FIS), die islamische Partei Algeriens, bei den Gemeindewahlen vergangene Woche im Triumphzug Algier, Oran, Constantine und die meisten anderen Städte des Landes, ferner 45 der 48 Regierungsbezirke eroberte, sitzt Frankreich der Schreck in den Gliedern. Zu nahe ist die einstige Kolonie, zu schmal das Mittelmeer, so daß jetzt von Marseille bis Lille die Furcht vor einer radikalen islamischen Welle umgeht, die auf die Moscheen und Betsäle der französischen Städte zurollt.

Alle Pariser Regierungen arbeiteten seit der Unabhängigkeit Algeriens 1962 mit der einst revolutionären Front de la Libération nationale (FLN) zusammen. Frankreich, der Feind von gestern, wurde seit den siebziger Jahren zum Gastland für über 800 000 algerische Arbeiter. Die Kontrolle über sie behielt stets mit französischer Billigung der verlängerte Arm der FLN in Frankreich. Das alles macht in den Augen aufgebrachter Moslems Frankreich zum Komplizen des FLN-Regimes. Der Triumph der FIS war somit nicht nur ein Debakel für die FLN und ihren Präsidenten Chadli Bendjedid; er war auch seine Ohrfeige für Frankreich und eine Warnung für Europa. Algeriens Nachbarn sind sicher, daß im Maghreb mit diesem Wahlsieg eine neue Epoche beginnt.

Gleichwohl – der unleugbare islamische Triumph täuscht auch. Vier von zehn Wählern gingen nicht zu den Urnen. Rabiate Anhänger der FIS kontrollierten zahlreiche Wahllokale. Bei den ersten demokratischen Wahlen in Algerien ging es oft nicht mit rechten Dingen zu. Das ist nicht nur ein Beweis für die Ohnmacht der einstigen Einheits- und Ordnungspartei FLN, sondern auch für eine vorläufige Schwäche der FIS. In der Kabylei, dem nördlichen Bergland, Wiege der Berberkultur und einst Hochburg des antifranzösischen Widerstandes, ging gar nur jeder fünfte Algerier zur Wahl.

Hier will man von der FIS so wenig wissen wie von der FLN. Die FLN hatte jahrelang auch aus Angst vor den unruhigen Berbern den Islam gehätschelt. Das Gebet gen Himmel schien den Bonzen und Bürokraten der Staatspartei wenig schädlich für das eigene Geschäft auf Erden. Das änderte sich, als die Erlöse aus dem Öl- und Gasexport zurückgingen und die Schuldenlast Algerien in die Knie zwang. Die Bevölkerung nimmt jedes Jahr um drei Prozent zu, und viele junge Algerier, vom „algerischen Sozialismus“ mit Schulabschluß versehen und von dessen Mißwirtschaft um jede Stellenchance gebracht, sehen nur noch zwei Auswege: die Flucht nach Frankreich oder den Rückzug in den Schatten der Moschee. Die FLN wurde zum Synonym für Korruption und Privilegienwirtschaft; die FIS stand bald für Solidarität und Nachbarschaftshilfe. Nicht nur moslemischen Eiferern fiel darum die Wahl leicht.

Da Chadlis verspätete und zaghafte Demokratisierung nicht mehr anderen Parteien eine Wahlchance eröffnete, steht eine siegesgewisse FIS jetzt allein im Duell gegen eine ausgezehrte FLN. Schon packen Wissenschaftler, Lehrer, Intellektuelle und vor allem westlich orientierte Frauen aus Angst vor der Moslempartei ihre Koffer; in Frankreich wächst die Furcht vor einer neuen Einwandererwelle, die dem rechtsextremen Führer Jean-Marie Le Pen als Argument nur zu gelegen käme. „Nur Diebe fliehen“, ruft Abassi Madani den Flüchtenden höhnisch nach. Er rechnet damit, daß im Gegenzug andere ins Land zurückkehren – sobald ein islamisches Regime dort mit Korruption und Privilegien Schluß gemacht hat und die Wirtschaft neu geordnet ist. Gelingen kann das nach dem Bankrott des FLN-Modells im Augenblick allenfalls der FIS; sie allein findet beim enttäuschten und empörten Volk Gehör. Doch um welchen Preis?

Die Versuchung ist groß, Algerien einfach links liegen zu lassen. Doch Spanier, Italiener und Franzosen wissen längst, daß dies nicht mehr geht – allein schon wegen der Nordafrikaner innerhalb der europäischen Grenzen und erst recht, weil der Erfolg der Moslems ihre Glaubensbrüder in Tunesien oder Marokko ermutigen wird. Verstärkter Druck oder beschleunigter Rückzug führten nur zur gefährlichen Isolierung Algeriens. Angesichts des Fremdenhasses im eigenen Land und des Frankreich-Ressentiments in Algerien muß Paris versuchen, seine europäischen Partner stärker für dieses schwierige Land zu interessieren, das gegen seine islamische Partei nicht mehr regiert werden kann. Doch Frankreichs Nachbarn blicken derzeit gen Osten. Dort verschwindet eine Grenze zwischen zwei Welten, während ein Trupp islamischer Radikaler am Mittelmeer, das einmal das europäische mare nostrum war, sie befestigen will.