Hannover

Sie haben sie sich gewünscht, die niedersächsischen Politiker (die Grünen ausgenommen) – sie haben sie bekommen, die Weltausstellung im Jahre 2000. Vorige Woche hat das von 43 Staaten betriebene Internationale Ausstellungsbüro in Paris mit gerade einer Stimme Mehrheit beschlossen, Hannover jenes Glück zu gönnen, das es zugleich Toronto verweigert hat und von dem die Venezianer sich rechtzeitig gegen ihre Regierung in Rom hatten distanzieren können, weil sie es für ein Unglück angesehen hätten.

Die noch amtierende Finanzministerin Birgit Breuel (CDU) hat sich selbstverständlich „riesig gefreut..., der Idee der Weltausstellung an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend eine neue Dimension verleihen“ zu dürfen; der designierte Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) bekannte, die Entscheidung entspreche auch „unseren Wünschen“; der FDP-Fraktionsvorsitzende Martin Hildebrandt nannte die „Riesenveranstaltung“ der Expo 2000 eine „Riesenchance“; und der CDU-Landesvorsitzende Wilfried Hasselmann sieht für Niedersachsen, „unser Heimatland, mehr Arbeitsplätze, Aufschwung der Wirtschaft und des Tourismus und eine großartige weltweite Publicity“ – Hannover, der Nabel der Welt 2000.

Der Preis dafür wird – ganz und gar fortschrittsfroh – gleich mitgenannt: Gigantische Verkehrsströme, neue Straßen, die Autobahn mit sechs Spuren, neue U-Bahnlinien, neue Schnellbahnen vom Flugplatz bis nach Hildesheim, ein projektierter Landschaftsverbrauch von 1,25 Millionen Quadratmetern, meist Ackerland im Besitz der Stadt, so groß wie 160 Fußballplätze – die Finanzministerin posiert damit auf dem Photo.

Dabei hatten doch unlängst erst vierzig (sie) junge Architekten, vom Wirtschaftsminister großzügig zu viertägigem Nachdenken eingeladen, fast durchweg vom schädlichen Landschaftsverbrauch für ein so zweifelhaftes Spektakel abgeraten und statt dessen vorgeschlagen, lieber die Stadt selbst als Expogebiet zu nutzen. Die trotzdem weiter akut gefährdete Landschaft rings um den Kronsberg im Süden von Hannover, die doch auch den Bund für Umwelt- und Naturschutz zu seinem Nein veranlaßt hat, liegt gleich gegenüber der Messe, von welcher nicht zufällig die erste Anregung zur Expo 2000 ausgegangen war.

Dennoch versuchen Stadt und Land, mit ihren Widersprüchen zurechtzukommen: Umwelt verbrauchend zum Umweltschutz aufzurufen. Sie hoffen, daß fünf Monate lang täglich hunderttausend Besucher in die Landeshauptstadt und Expostadt drängen werden, um ihnen den „ökologischen Stadtumbau“ zu demonstrieren, gar die Möglichkeit der autofreien Stadt vor Augen zu führen; sie wollen die Weltausstellung deshalb auch nicht als ein mit Informationen verziertes Amüsement für Besucher, sondern als Lehrschau zum Schutz der Umwelt; die Show soll in einem Hauptpavillon, um welchen sich die Pavillons der hundert Länder scharen sollen, ihre moralische Berechtigung erfahren, nämlich unter dem Slogan „Mensch-Natur-Technik mit der Notwendigkeit vertraut machen, Chancen, Risiken und Wege für die Menschheit aufzuzeigen“.

Nein, sagte Oberbürgermeister Schmalstieg, er wolle „kein Disneyland und keinen Rummelplatz“, es sollen auch keine Pavillonruinen übrigbleiben. Das Gelände, sagte wiederum der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, solle hinterher so etwas wie ein „technologisches Schullandheim zwischen Disney World und wissenschaftlich anspruchsvollem Labor“ werden.