Bielefeld

Wie eine Titanic ankert die postmoderne Stadthalle im Bielefelder Zentrum, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Anfang August soll die einem Passagierdampfer nachempfundene Halle nun endlich eingeweiht werden, sollen Konzerte und Großveranstaltungen beginnen. Doch die Ratsmehrheit aus CDU, FDP und konservativer Bürgergemeinschaft befürchtete, auswärtige Besucher würden die Halle nicht finden, weil der Platz vor dem Hauptbahnhof seit 1983 „Platz des Widerstandes“ heiße. Höchste Eisenbahn also, so meinten die Ratsherren, ihn wieder umzubenennen: „Der Name Bahnhofplatz ist eine Ortsbezeichnung, die der Orientierung dient, nicht nur für den Hauptbahnhof, sondern auch für die Stadthalle.“

Grüne und SPD hatten vor sieben Jahren die Umbenennung des Bahnhofsvorplatzes beschlossen, um an Verfolgte und unbekannte Widerstandskämpfer während der nationalsozialistischen Herrschaft zu erinnern. Die Christdemokraten stimmten dagegen, sie wollten lieber einen „Hanns-Martin-Schleyer-Platz“ oder einen „Platz des 17. Juni“. Nun will CDU-Oberbürgermeister Eberhard David, seit Oktober 1989 im Amt, „daß für das Image der Stadt etwas getan wird, daß wir diese Bezeichnungen, die unter einer anderen Mehrheit getroffen wurden, heute wieder verändern, so wie wir uns das vorstellen“.

„Das hat mich tief erschüttert“, meinte daraufhin Ex-Oberbürgermeister Klaus Schwickert (SPD). Er hat sich in seiner Amtszeit um Partnerschaften zu Nahariya in Israel und zum französischen Concarneau gekümmert: „Gerade in Frankreich hat man es nicht vergessen, daß Deutsche den dortigen Bürgermeister brutal ermordet haben“, sagt Schwickert, „welch ein Eindruck muß da bei den Partnern entstehen, wenn im Zuge der deutsch-deutschen Einigkeit hier so etwas auftaucht wie ein neu aufkommender Nationalismus.“ Die Bürger der israelischen Partnerstadt Nahariya und ihr Ex-Bürgermeister und Vorsitzender der dortigen Israelisch-Deutschen Gesellschaft, Sigi Keren, protestierten. In einem Brief an Bielefelds Stadtoberhaupt bat Keren, den Beschluß noch einmal zu überdenken: „Die Bahnhöfe vieler Städte Deutschlands und auch der Hauptbahnhof der Stadt Bielefeld waren Zeugen der Verschickung der Juden dieser Städte in den Tod der Konzentrationslager.

„Hat etwa das Wort Widerstand nach wie vor einen negativen Klang? Oder hat es ihn schon wieder?“ fragte der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Erik Blumenfeld. „Eine christlich-demokratische Partei darf die Umbenennung des Platzes nicht verantworten“, ermahnte der CDU-Europa-Abgeordnete Blumenfeld die Bielefelder Parteikollegen. Der Platz trage seinen Namen zum Andenken an die Opfer und „den heutigen Bürgern zur Mahnung und Erinnerung“. Er gereiche Bielefelds Bürgern „zur Ehre“, ergänzt Keren.

Doch nur etwa die Hälfte der Bielefelder, so ergab eine Emnid-Umfrage, wisse überhaupt, daß es einen solchen Platz gibt. Und nur knapp dreißig Prozent votierten für die Beibehaltung des Namens, erfuhr das Meinungsforschungsinstitut, an dessen Spitze der Bielefelder CDU-Kreisvorsitzende Walter Tacke sitzt. Zwei Drittel wären für den guten alten „Bahnhofplatz“. Lediglich die 18- bis 29jährigen votierten mehrheitlich für den „Platz des Widerstandes“.

Eine „leere Worthülse“ also, schrieb Oberbürgermeister David zurück nach Israel an Herrn Keren und stimmte Ende Mai mit der Ratsmehrheit für das Abmontieren des siebenjährigen Straßenschildes und der kleinen Tafel darunter.

Uwe Pollmann