Von Gisela Dachs

Leipzig, im Juni

Die Okkupanten werben mit sanften Tönen: „Haus ist bewohnt. Bitte nicht plündern.“ Das Graffito mit dem freundlich formulierten Anliegen prangt auf der schmutzigen Fassade eines viergeschossigen Mietshauses in der Stöckartstraße. Ansonsten deutet nichts darauf hin, daß in dem ehemaligen Arbeiterviertel im Süden von Leipzig Hausbesetzer die Initiative ergriffen haben. Die Sorgsamkeit, mit der sie ans Werk gehen, erinnert an die sprichwörtlichen Revolutionäre, die eine Bahnsteigkarte lösen, ehe sie den Bahnhof stürmen. „Wir sind eben so richtig deutsch“, meint schmunzelnd Tomas Kaeseberg und verweist auf den Verein, den die Besetzer im April eigens gegründet haben. Der 26jährige Maler zählt zu den 130 eingeschriebenen Mitgliedern der „Connewitzer Alternative“, die sich zur Aufgabe gemacht hat, das historische Viertel wieder zum Leben zu erwecken.

Schon vor Jahren hatten die DDR-Behörden beschlossen, das Stadtgebiet Connewitz flächen – deckend abzureißen – ohne Rücksicht auf guterhaltene Wohngebäude aus dem vergangenen Jahrhundert. Daraufhin setzte der „Freizug“ der Häuser ein; wenn es die Mieter nicht in den Westen zog, bekamen sie Neubauwohnungen in der Trabantensiedlung Grünau zugewiesen. In Connewitz waren ähnliche Plattenbauten geplant. Nach amtlichem Beschluß sollten in ganz Leipzig bis zum Jahr 2000 von 103 000 Wohneinheiten gründerzeitlicher Bausubstanz 53 000 den Baggern zum Opfer fallen. Der Verfall historischer Bausubstanz schritt jedoch schneller voran als der sozialistische Wohnungsbau. Trotz abnehmender Einwohnerzahl nahm die Wohnungsnot in der Messestadt zu. Auf der ersten Leipziger „Volksbaukonferenz“ im Januar forderten dann Bürger, Architekten und Stadtplaner erstmals lautstark eine Wende in der Baupolitik; sie setzten sich für den Erhalt wertvoller Gebäude ein. Daraufhin wurde „bis auf weiteres“ ein allgemeiner Abrißstopp angeordnet.

Drei Wochen später besetzten Roland Hoberg und seine Freunde die ersten Wohnungen in der Stöckartstraße. Mit seinen millimeterkurz geschnittenen Haaren, schwarzem T-Shirt und heller Hose wirkt der Initiator der Bewegung eher wie ein gewissenhafter Student. Der Dreißigjährige, der einst die Kreis- und Bezirksparteischule absolviert hatte, bevor er 1983 aus der SED austrat und danach als „Pförtner im Museum, Tierpfleger im Zoo, Maschinist in der Braunkohle“ arbeitete, nahm die Sache ernst. Was vor Monaten als „Instandbesetzung“ begann, ist inzwischen als Pilotprojekt von der Stadtverwaltung legalisiert worden.

Roland Hoberg „verwaltet“ ganz offiziell vierzehn besetzte Wohngebäude in Connewitz, nachdem sein Verein vom Runden Tisch in Leipzig Nutzungsverträge bekommen hat. Die Bewohner – Lehrlinge, Studenten, Arbeiter, Handwerker, Künstler – sind polizeilich angemeldet. Sie haben sich alle bereit erklärt, bei der Sanierung Hand anzulegen. Jeder muß fünfzehn Mark Vereinsgebühren im Monat bezahlen; damit ist auch die Miete abgegolten. Die Wohnmitglieder der Connewitzer Alternative e.V. haben sich überdies verpflichtet, an Vereinsveranstaltungen mitzuwirken; bei Inaktivität droht Ausschluß. Alles ist genau geregelt und niedergeschrieben.

„Die Hausbesetzer gestalten Alt-Connewitz zu Leipzigs Montmartre“, schrieb vor ein paar Wochen die Leipziger Volkszeitung, ein früheres Parteiorgan, worauf sich gleich mehrere hundert junge Leute bei Roland Hoberg meldeten. „Manche hatten uns als eine Art Wohnungsverwaltung betrachtet. Viele ahnten nicht, in welch miserablem Zustand sich die Häuser befanden – teilweise ohne Gas, Wasser und Licht. Sie gingen gleich wieder. Den anderen habe ich Nummern verteilt, die den zu besetzenden Wohnungen entsprachen, um niemanden zu benachteiligen. Sofort bewohnbar war nur etwa die Hälfte.“