Von Ernst Klee

Billigheim

Billigheim ist ein beschaulicher Ort im nord-badischen Neckar-Odenwald-Kreis. Im Dorfbach, der Schefflenz, stehen starke Forellen. Drei alte Frauen, die sich auf einer Bank an der Kirche niedergelassen haben, müssen sich einer Gans erwehren. Traute Dörflichkeit, auf den ersten Blick jedenfalls.

Ein Stück weiter ein Schild, das den Weg zu einer Sondermülldeponie weist. Die Deponie liegt oberhalb des Ortes, zwischen grünen Feldern, an einen Bauernhof grenzend.

Den Giftmüll haben die Einwohner hingenommen. Doch als bekannt wurde, Geisteskranke sollten in einem Haus der Caritas untergebracht werden, gingen sie auf die Barrikaden. Eine Interessengemeinschaft „Bürger für Billigheim“ befand, die Bevölkerung sei an der Belastungsgrenze angelangt und solle verschont bleiben.

Im Ort werden seitdem Horrorgeschichten von psychisch Kranken kolportiert. Über wie wenig Sachverstand die Interessengemeinschaft verfügt, zeigt ein Flugblatt mit dem Titel „Bürger informieren Bürger“. Es enthält die unsinnige Behauptung, Schizophrene seien gar keine psychisch Kranken und gipfelt in der Frage: „Wer schützt unsere Bürger und vor allem unsere Kinder?“ In einem weiteren Flugblatt, diesmal nicht von der Interessengemeinschaft unterzeichnet, sondern anonym verbreitet, werden psychisch Kranke sogar als Kindesmörder dargestellt. Kernsatz dieses Pamphlets: „Wer garantiert uns Sicherheit?“ Die Antwort: „Niemand!“ Die Patienten, die solche Ängste auslösen, leben im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Wiesloch, in der Nähe von Heidelberg. Sie brauchen weder dauernde Behandlung noch Pflege, sie sind allein deshalb in der Anstalt, weil sie keine andere Bleibe haben. Einige leben schon seit drei Jahrzehnten in der Psychiatrie. Der jahrelange Klinikaufenthalt hat sie dem normalen Leben entfremdet. Dennoch könnten sie außerhalb der Anstalt leben, gäbe es für sie betreute Wohnplätze in einer normalen Umgebung. Ein sozialer Irrsinn: Im Neckar-Odenwald-Kreis werden Menschen psychiatrisiert, weil es an Übergangseinrichtungen fehlt.

Etwa dreißig Wieslocher Patienten sollten in Billigheim eine neue Heimat finden. Als Unterkunft war das seit Jahren unterbelegte Alten-Erholungsheim St. Lukas vorgesehen. Ein einheimischer Apotheker hatte das Haus 1966 dem Caritas-Verband geschenkt, um ein „gemeinnütziges Wohnheim“ daraus zu machen.