Der deutsche Osten – Kompensationsmittel, Verhandlungsobjekt und Propagandawaffe

Von Hansjakob Stehle und Karl-Heinz Janßen

„Eine endgültige und dauerhafte Sanierung Polens ist so lange hinauszuschieben, bis das Land für eine unseren Wünschen entsprechende Regelung der Grenzfrage reif ist.“

Reichsaußenminister Gustav Stresemann, 1926

Mit drei Streichhölzern, die Deutschland, Polen und die Sowjetunion darstellen sollten, zeigte der britische Premierminister Winston Churchill dem sowjetischen Diktator Josef Stalin, wie nach einem Sieg der Alliierten über das Hitlerreich die neuen Grenzen in Osteuropa aussehen könnten. Man brauche die Hölzer nur nach Westen zu verschieben. Dies geschah bei einem Abendessen während der Teheraner Gipfelkonferenz am 28. November 1943, zu einer Zeit, als die deutsche Wehrmacht noch halb Europa vom Atlantik bis in die Ukraine im Griff hatte. Der britische Außenminister Anthony Eden hatte das Stichwort gegeben: Was Polen im Osten verliere, könne es im Westen gewinnen. Auf diese simple Weise entschied sich das Schicksal von Millionen Polen und Deutschen, die von Haus und Hof vertrieben werden sollten.

Die „Großen Drei“ (Stalin, der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt und Churchill) einigten sich auf die Absichtserklärung, daß die Heimstatt des polnischen Staates und Volkes – noch war Polen in der Gewalt der Deutschen – zwischen der sogenannten Curzon-Linie und der Oderlinie liegen und Polen auch Ostpreußen (ohne Königsberg – darauf hatte Stalin schon seine Hand gelegt) und Oberschlesien bekommen solle. Eine mögliche Aussiedlung der Bevölkerung wurde in Aussicht genommen – der Haß gegen die Naziverbrecher war, nach allem, was seit 1939 geschehen war, so groß, daß sich die Herren darüber keine weiteren Gedanken machten.

Die Curzon-Linie (benannt nach dem britischen Außenminister Lord Curzon), die nach dem Ersten Weltkrieg von den Westmächten als die ethnisch gerechteste Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion festgelegt worden war, entsprach ungefähr der Demarkationslinie, die 1939 im Hitler-Stalin-Pakt bei der Teilung Polens gezogen worden war. Stalin hatte sich damals schlauerweise nur jene ostpolnischen Gebiete angeeignet, in denen die Polen unter Weißrussen und Ukrainern eine Minderheit bildeten, Gebiete, die das neuerstandene Polen 1920/21 im Krieg mit den Russen erobert hatte.