Von Thomas Kleine-Brockhoff

Nun stehen andere im Rampenlicht. Vorbei jene Wochen, da ein kurzes Interview für die Aktuelle Kamera ausreichte, um die Massen zu mobilisieren und die Mächtigen taumeln zu lassen. Vorbei jene Wochen, an die sich David Gill, der Koordinator der Bürgerkomitees zur Auflösung des Staatssicherheitsdienstes, als eine „fast rauschhaft erlebte Zeit“ erinnert. Damals, im Januar, versuchten die neunzig Frauen und Männer der Bürgerkomitees, den Geheimdienstapparat mit seinen fast 90 000 Mitarbeitern in Schach zu halten, was ihnen auch leidlich gelungen ist. Jetzt steht dem inzwischen geschrumpften Häuflein der Stasi-Auflöser um David Gill ein neuer, mächtiger Gegner gegenüber: Innenminister Peter-Michael Diestel, der sich in der Rolle des Agenten- und Terroristenjägers gefällt, hinter den Kulissen aber die endgültige Verklappung der Stasi-Vergangenheit betreibt.

Längst ist die Vernichtung des größten Teils jener hundert Kilometer Akten geplant, über die David Gill seit fünf Monaten in der monströsen Stasi-Zwingburg im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg wacht. Längst hat der Innenminister ein neues Gremium eingesetzt, um David Gills Bürgerkomitee zu entmachten und die Stunde Null, den Moment des großen Vergessens, vorzubereiten. War also alles vergeblich?

Wie Hohn erschien es David Gill, der wegen der Stasi-Auflösung sein Studium unterbrochen hat, daß er kürzlich auf einer Pressekonferenz im Innenministerium seinen Namen hören mußte: ein Loblied auf die Bürgerkomitees, das Peter-Michael Diestel verbreiten ließ, wobei er zum eigenen Ruhme so tat, als arbeite er mit den Komitees glänzend zusammen. David Gill merkte: Er ist längst wieder vom Akteur zum Spielball der Politik geworden. Ein junger Bursche mit Flaumbart, 24 Jahre alt, gutmütig, unerfahren – mit so einem läßt sich prima jonglieren.

Als der Vormann der Bürgerkomitees das Innenministerium verließ, wollte er am liebsten die Brocken hinwerfen. „Ich bin müde“, sagte er. Müde des Streits; müde, ständig Widerstände brechen zu müssen; müde vor allem der parteipolitischen Ränke, die in der DDR doch gerade erst begonnen haben. In solchen Momenten sehnt er sich zurück zum Sprachenkonvikt Berlin, zur kirchlichen Hochschule, an der er im dritten Semester Theologie studiert, und zu seinen Freunden, mit denen er nicht ständig über all den Schmutz redet, den der Stalinismus zurückgelassen hat. Denn eigentlich ist er gar kein sonderlich politischer Mensch, und eigentlich war ja alles bloß Zufall; eine Verkettung unvorhergesehener Ereignisse, wie sie nur in den Wochen auftraten, die Revolution zu nennen man sich schnell angewöhnte.

An jenem 15. Januar, an dem Tausende die Geheimdienstbastion in der Normannenstraße stürmten, saß David Gill mit seiner Freundin beim Abendessen im „Haus der sowjetischen Kultur und Wissenschaft“ in der Friedrichstraße. Gewiß, er hatte gehört, daß es eine Demonstration vor dem Stasi-Bau geben werde, aber zusammen mit seiner Freundin, da war es doch „sehr gemütlich“. Am nächsten Abend sah er im Fernsehen Sebastian Pflugbeil, den neuen Minister im Kabinett Modrow, der mit streikenden Milchfahrern sprach. „Das ist ja alles schön und gut und wichtig hier“, hörte er Pflugbeil sagen, „aber geht doch bitte rüber zur Normannenstraße, da werdet ihr gebraucht.“ David Gill fühlte sich, obwohl kein Milchfahrer, angesprochen und ging hin, um eine Nacht lang Wache zu halten; denn er hatte Semesterferien und konnte ausschlafen. Seitdem ist er da, jeden Morgen ab sieben.

Inzwischen fährt er einen Stasi-Lada der Hauptabteilung Terrorbekämpfung als Dienstwagen. Tagsüber sitzt der Student wie in einem verlassenen Schloß im Büro eines Abteilungsleiters, der alle Insignien seiner Macht zurücklassen mußte: den Büro-Panzerschrank, den amerikanischen Personalcomputer, den resopalbeschichteten Konferenztisch. Wenn seine Sekretärin Besucher hereinläßt und der schmächtige Twen hinter dem riesigen Schreibtisch auftaucht, glaubt er, die Gedanken seiner Gäste an deren verunsicherten Gesichtern ablesen zu können: So ein Milchgesicht in so einer Position?