Von Fredy Gsteiger

Die Zigarette, bis auf den Stummel heruntergeraucht, liegt ausgedrückt im Ascher, darüber kräuselt sich ein letzter Fetzen Rauch – so kommentierte die spitze Feder eines frankokanadischen Karikaturisten vor zweieinhalb Jahren den Tod des kettenrauchenden Separatistenführers René Levesque.

Mit Levesque starb das Unabhängigkeitsstreben der kanadischen Provinz Quebec, glaubten viele außerhalb des Landes, glaubten auch viele englischsprachige Kanadier – sie sahen bloß den ausgedrückten Stummel. Doch Quebecs Streben, Nation und nicht – verhaßtes Wort – „Provinz“ zu sein, überdauerte Levesques Tod. Für die Frankokanadier war in der Zeichnung das Rauchwölkchen das bedeutsamere Signal.

Tatsächlich kräuseln sich in diesen Tagen ganze Rauchwolken über Kanada. Bis zum 23. Juni sollte die Vereinbarung von Lake Meech unterzeichnet sein, jenes nach einem See an der Grenze von Quebec benannte Abkommen zwischen Bundesregierung und Provinzen, das dem französischsprachigen Quebec einen besonderen Status einräumt mitsamt dem Recht, Gesetze zu erlassen, die im Widerspruch zum kanadischen Bundesrecht stehen. Das Zögern der Provinzchefs von Manitoba und Neufundland, diesen Köder, der Quebec in Kanadas Schoß zurücklocken soll, mit ihrer Unterschrift abzusegnen, ließ das Land in eine Verfassungskrise schlittern.

Auch wenn diese akute Krise beigelegt werden kann, wird die Staatskrise weiter schwelen. Allein durch den monatelangen Streit um das Abkommen ist viel Geschirr zerschlagen worden. Gleich drei frankophone Minister sind aus Protest zurückgetreten. Claude Beland, ein führender Vertreter der Wirtschaftskreise, die bis dahin am vehementesten für Quebecs Verbleib im kanadischen Bund eintraten, charakterisiert die Stimmung: „Der Schaden ist angerichtet. Wir haben die Botschaft verstanden. Wir haben erfahren müssen, was die Anglokanadier von Quebec halten.“ Die „Chums“, wie die Québecois sich unter ihresgleichen nennen, fühlen sich unter dem Ahornblatt nicht mehr willkommen.

Der Boulevard Saint-Laurent – für Anglophone schlicht: The Main – teilt Montreal in eine westliche und eine östliche Hälfte. Westlich des Boulevards liegen das Geschäftszentrum mit seinen himmelwärts strebenden Bürotürmen, in deren obersten Etagen Menschen englischer Zunge den Ton angeben, sowie die Villenviertel der reichen „Anglos“; östlich der Achse stehen die Fabriken, in denen die p’tit gars aus Shawinigan, die Jungs aus Quebecs tiefen Wäldern, den Buckel krümmen, und die bescheidenen Klinkerhäuser der Frankophonen. So jedenfalls sind nach landläufiger Meinung die herrschenden Verhältnisse in der Metropole (nicht Hauptstadt) Quebecs, der nach Paris zweitgrößten frankophonen Stadt der Welt, von deren drei Millionen Einwohnern ein Drittel Anglokanadier sind.

Doch ganz so streng versieht die Main ihre Aufgabe als unsichtbare Völkerscheide nicht mehr; in den letzten Jahren hat mancher Jean-Guy oder Claude das Ruder eines Wirtschaftsflaggschiffs von einem Gary oder Jack übernommen. Und am Boulevard Saint-Laurent fällt mittlerweile eine andere als die englisch-französische Schichtung auf: Prosciutto, Souvlaki, Baklava, Tajine und Gulasch sind dafür die Stichworte. Montreal ist französisch und englisch, ist amerikanisch und europäisch oder nichts von alledem – ein Babel: Montreal, das sind mehrere Städte in einer, im Geiste einzig dann vereint, wenn im Eisstadion die Montreal Canadiens gegen die Maple Leafs aus Toronto antreten.