Von Maria Huber

Rußland ist das Zentrum des Sowjetimperiums. Die Russen werden von den Balten, Georgiern oder Usbeken beschuldigt, die benachbarten Republiken rücksichtslos auszubeuten. In Wahrheit ist Rußland freilich ein Armenhaus.

Russische Abgeordnete aus Sibirien und aus dem fernen Osten des Landes haben das ihren Kollegen im sowjetischen Parlament längst vorgerechnet. Als Kolonisatoren auf die Anklagebank gesetzt und mit der nationalen Empörung der Völker konfrontiert, fragen russische Populisten und Patrioten, ob nicht eigentlich ihre Republik viel mehr Grund zur Klage hätte. Seit dem vergangenen Sommer brachten die Aufstände der Kumpel und der Ölarbeiter die Diskrepanz zwischen natürlichem Reichtum und sozialem Elend ins Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit. Die Machthaber in Moskau beeilten sich nachzuweisen, daß die russische Republik, die riesige RSFSR, jene angeblich ausgebeuteten „Kolonien“ alimentiert: mit billigen Gas- und Erdöllieferungen, Rohstoffen und Metallen. Die „Subventionen“, die Sibirien auf diese Weise leistet, summieren sich nach Angaben der russischen Regierung auf siebzig Milliarden Rubel jährlich; laut Schätzungen des Russischen Deputierten-Klub auf vierzig Milliarden.

Dieser Aderlaß beraube Rußland der dringend benötigten Mittel, um seine unermeßlichen ökologischen und sozialen Probleme zu lösen – so lautet der Tenor in Parlament und Presse. Diese Argumentation hilft, von der wirklichen Verantwortung für den unaufhaltsamen Tod des Aralsees oder für das Vegetieren der Menschen in abertausend sterbenden Dörfern abzulenken. Selbst die Wohnungsnot wird mit der „brüderlichen Hilfe“ für die Republiken erklärt: Die sozialen und kommunalen Ausgaben pro Kopf der Bevölkerung liegen in Rußland erheblich unter dem Durchschnitt der Sowjetunion.

Rußland und seine 147 Millionen Einwohner könnten reich sein. Zur RSFSR gehören drei Viertel des Sowjetimperiums mit 51 Prozent der Gesamtbevölkerung. Für die Sowjetwirtschaft produziert das russische Kernland vor allem Nutzfahrzeuge, Autos, Papier und Metall. Rund 90 Prozent des Erdöls und des Holzes kommen von russischem Boden. Die Republik steuert 60 bis 75 Prozent der sowjetischen Ausfuhren von Gas, Elektroenergie und Nickel bei. Noch höher ist der russische Anteil beim Export von Öl, Papier und Aluminium (90 Prozent) sowie Holz, Honig und Autos (100 Prozent). Steinkohle, Diamanten, Gold und Pelze sind ebenfalls wichtige Devisenbringer. Doch von all den Dollars sieht Rußland selber nur Cents. Das Zentrum kassiert: Unionsministerien und Militär, Banken und Behörden – kurzum: all die verschwenderische Planbürokratie.

Die Schlußfolgerung der Populisten: Das Zentrum ist am eigenen Elend schuld. Rußland muß souverän werden, darin zumindest sind sich die über tausend Parlamentarier der Republik einig. Auf dem Marathonkongreß der russischen Volksdeputierten verabschiedeten sie nach unersprießlichen Debatten ihre Deklaration zur Staatlichen Souveränität. Es sei das ausschließliche Recht des eigenen Volkes, heißt es darin, über die nationalen Reichtümer Rußlands zu verfügen.

Was bedeutet aber konkret „staatliche Souveränität“? Die einen plädieren für die „Wiedergeburt Rußlands“, die anderen für die Weiterführung der Perestrojka: