Eine russische "Insel" ist mitten in Essen entstanden, funkelnd und protzend. Historiker aus Leningrad, das bis 1914 St. Petersburg hieß, und deutsche Fachleute haben in passionierter und gescheiter zweijähriger Zusammenarbeit eine Ausstellung aufgebaut, die ein hierzulande immer noch viel zuwenig bekanntes Kapitel der europäischen Geschichte aufschlägt: Rußland an der Schwelle zum 19. Jahrhundert.

550 Exponate, fast nur aus der Leningrader Eremitage geliehen, führen vor Augen, was in "St. Petersburg um 1800" (dies der Titel der Ausstellung in der Villa Hügel) einen Teil seines splendiden, kapriziösen, ruhmreichen und eitlen, seines auf Repräsentation hingelenkten Lebens ausmachte. Es ist somit auch ein Jahrmarkt der Eitelkeit zu besichtigen, doch darum nicht weniger sehenswert.

Es gibt nicht nur Gemälde, Zeichnungen, (zu viele) Veduten, Vasen, Gläser, Saucieren, Prunkteller, Terrinen, Trachten, Regimentsfahnen, Säbel für Schlachten und Duelle zu sehen, sondern auch eine Säule mit der Büste des Generals Kamenskij, eine Ikone "Gottesmutter von Kursk", deren Malerei aus dem 18. Jahrhundert stammt, einer Zeit also, in der die beste Ikonenkunst - eines Rubljow und Dionissij etwa - längst vorüber war.

Da ist ein Pokal von 1809 mit der Widmung an den Grafen Paul Andrejewitsch Schuwalow "vom I. Korps der Finnländischen Armee", dann ein Spieltisch. Man sieht leicht verwundert ein klassizistisches Gemälde von G v. Kügelgen: Zar Paul I. mit seiner Familie - elf Personen von öliger Glätte und theatralischer Geziertheit. Da hängt des Franzosen Benoit Mitoire Portrait der Gräfin Ju. P. Samojlowa, ein Bildnis von gebändigter klassizistischer Süßlichkeit. Ein Portrait des Grafen A S. Stroganow, der, hört, folgendes war: Kammerherr, Wirklicher Geheimrat, Mitglied des Staatsrates, Gouvernementsvertreter des Adels von Petersburg - und Präsident der Petersburger Akademie der Künste Übrigens kommt dies Bild nicht aus der Eremitage, sondern aus dem Leningrader Russischen Museum, das den Besuchern an der Newa sehr zu empfehlen ist, schon wegen seiner exzellenten Repin Bilder. Selbst in A W. Tyranows Bild "Perspektivische Ansicht der Eremitage Bibliothek" ist klassizistische Ästhetik "auf Vordermann", das heißt liebedienerisch auf den Zeitgeschmack (gleich "Stil"?) gebracht. Bilder von Adeligen, Grafen, Fürsten, Zaren.

Schaut man etwas aufmerksamer hin, so erkennt man vielfach ein interessantes Phänomen: Für die Russen haben viele Objekte eine ganz andere Bedeutung als für die Deutschen. Hier ein Beispiel. In der Essener Ausstellung gibt es unter anderem zwei Medaillen, die aussehen, als seien sie (ihre Durchmesser betragen nur 20 und 28 Millimeter) allenfalls für Numismatiker von Interesse, sonst aber mit einem Brustkreuz (4 6 mal 8 Zentimeter), sind jedoch bemerkenswert allein schon unter dem Aspekt, daß Russen, zumal der älteren Generation, sie anders einschätzen werden als Deutsche. Auf diesen drei kleinen Metallstücken, zwei aus Silber, eines aus Bronze, ist schlicht zu lesen: "God 1812", deutsch: "Das Jahr 1812". Es ist eines der wichtigsten Daten der russischen Geschichte, das Jahr, in dem Napoleons Heer in der Falle Moskau das Genick gebrochen wurde. Die meisten Russen heute werden mit den bescheidenen Stücken jedoch eine ganz besondere Vorstellung verknüpfen. Im Zweiten Weltkrieg gab es in der Sowjetunion in Riesenauflage eine Schrift "God 1812" zum Zweck "patriotischer Stärkung". Der kämpfenden Truppe wie der gesamten Bevölkerung sollte eingehämmert werden: Zur Zeit haben zwar die eingedrungenen faschistischen Hitler Horden Vorsprung gewonnen, aber der Sieg wird am Ende doch unser sein. Wir werden zurückschlagen, wie einst unsere Ahnen die Franzosen unter Napoleon im Jahre 1812 zu erbärmlichem Rückzug zwangen. Nur Mut!

Die Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft zweier Präsidenten, von Weizsäckers und Gorbatschows, steht, ist nicht an allen Stellen so zu enträtseln. Man bewundert, man unterscheidet. Wie oft ist zum Beispiel Malachit zu entdecken. Was hat eigentlich die Wohlhabenden jener Zeit bewogen, Malachit so oft zu benutzen, bei Uhren, Briefbeschwerern, Schatullen, Schreibtischgarnituren, Papierablagen? Man sieht einmal auf einem Briefbeschwerer einen die Zähne fletschenden Löwen. Er zeigt die Zähne, weil er, kunstsinnig, wie er vielleicht ist , sich hier deplaziert fühlt. Er ist aus Gold. Gold auf Malachit - dazu kann die Kunsthandwerker und Künstler (de gustische Regung verführt haben. Sondern: teures Metall auf teurem Stein, Demonstration des Luxus heißt das, nicht delikater Farbensinn. Die Kombination ist von der Protzerei erfunden. Die Ausstellung zeigt, wenn auch sehr selten, gelegentlich ein Abgleiten in den Kitsch.

Die historische Schau ist genau aufgebaut. In Teilen, die nach Themen geordnet sind, sieht man zum Beispiel das Militär (Orden en masse), Kirche und Staat, Malerei und anderes. Der erste Stock gewährt Einblick in adelige Wohnkultur ein ganzer Salon wurde hier mit Teppichen und Vasen arrangiert. Ensembles, die zeigen, mit welcher Sorgfalt und Mühe die deutschen und russischen Spezialisten gearbeitet haben.