Die Ablösung hat nicht stattgefunden: Nach vierzig Jahren absoluter Herrschaft haben die bulgarischen Kommunisten, die sich jetzt Sozialisten nennen, bei den ersten demokratischen Wahlen die absolute Mehrheit errungen. Nach der Stichwahl am vergangenen Sonntag schicken die Reformkommunisten 211 von insgesamt 400 Abgeordneten ins Parlament, das nun binnen achtzehn Monaten eine neue Verfassung ausarbeiten soll.

Um diese mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit verabschieden zu können, brauchen sie die Stimmen der Opposition – die aber hat bisher alle Koalitionsangebote strikt abgelehnt. Die Kommunisten müßten „den Karren schon alleine aus dem Dreck ziehen, in den sie ihn gefahren haben“, meinte der Vorsitzende der Union Demokratischer Kräfte, Schelio Schelew. Sein Wahlbündnis, das 144 Sitze erreichte, hatte vor allem in ländlichen Gegenden die Stimmen an die kommunistischen Kandidaten verloren, die bei der verunsicherten Bevölkerung mit Tradition und Erfahrung warben. Überraschend gut schnitt die Partei der türkischen Minderheit, Bewegung für Rechte und Freiheiten, mit 23 Mandaten ab. Die Bauernpartei, die noch bis vor kurzem als Blockpartei das kommunistische Regime mitgetragen hatte, kam auf 16 Abgeordnete. Wenn die Opposition bei ihrer Verweigerung bleibt, werden die Kommunisten den versprochenen Kampf gegen die wirtschaftliche Misere allein führen müssen. Die Voraussetzungen dafür haben sich noch verschlechtert: Massenstreiks im ganzen Land haben die Produktion drastisch sinken lassen, durch die Umstellung des Handels im zerfallenden kommunistischen Wirtschaftsblock auf Devisenzahlung droht den maroden Staatsbetrieben der Todesstoß.

Der hohe Sieg der regierenden Sozialistischen Partei dürfte zudem eine neue Fluchtwelle – vor allem bei Wissenschaftlern, Studenten und Intellektuellen – auslösen. Für viele von ihnen hätte ein Sieg der Opposition auch den ersehnten Anschluß an Europa bedeutet. Seit November haben schon 80 000 Bulgaren – knapp ein Prozent der Bevölkerung – das Land gen Westen verlassen. Die Furcht vor einem „rumänischen Weg“ ist groß.

Vielleicht aber werden sich schon im kommenden Herbst, bei den Kommunalwahlen, viele Wähler von den Kommunisten abwenden. Bis dahin will die Opposition auch in der Provinz Wurzeln schlagen und den dort immer noch funktionierenden stalinistischen Parteiapparat aufbrechen. dax