Ein sowjetischer Film mit vielen Facetten: Beobachtung und Erzählung, Dokument und Vision zugleich. Er gibt Nachricht vom Zustand eines Landes, indem er auf seine kargen Rinder schaut – und auf die Mauern, die sichtbaren und unsichtbaren, mit denen dieses riesige Reich seine Bewohner umgibt. Nach diesem Film sollte man Sergej Bodrow in eine Reihe stellen mit den großen Realisten des Kinos, mit Alain Tanner, Aki Kaurismäki und Jim Jarmusch, vielleicht sogar mit Flaherty und Rossellini.

Im Mittelpunkt: Sascha, zwölf oder dreizehn Jahre alt, der aus einem Heim für schwer erziehbare Kinder ausbricht, um auf die Suche zu gehen nach seinem Vater. Vom kasachischen Alma Ata, tief im Süden, bis nach Archangelsk am Weißen Meer führt seine Flucht, eine ungeheure Strecke. Immer wieder wird er geschnappt, immer wieder gelingt ihm die Flucht. Im Zoo steht er einmal einem Tiger gegenüber, was Bodrow in Schuß-Gegenschuß-Einstellungen zeigt, mehrmals. Da wird überdeutlich, was ihm so wichtig ist: Wer hinter Gittern lebt, ist verloren.

Ein Abenteuer für sich: das Gesicht des Jungen (Wolodja Kosyrew). Hohe, gerade Stirn. Helle Augen, die leicht schielen. Ein Meer von Sommersprossen. Große Ohren. Spitzes, leicht nach vorne stehendes Kinn. Und darüber kurze, rotbraune Haare. Es liegt oft ein Trotz in diesem Gesicht, der von Entschlossenheit zeugt, oft eine Leere, die Schutz und Maske zugleich ist. Als eine Freundin seines Vaters ihn an die Miliz verrät, blickt er sie nur lange und stumm an, nicht vorwurfsvoll, eher mitleidig. Er bedauert jeden, der mit den Wärtern paktiert. Daß es so viele davon gibt, verwundert ihn nicht. Er hat seine Erfahrungen mit der Welt.

Bodrows Held hat viel gemein mit den Streunern und Vagabunden der Zarenzeit, die Maxim Gorki so liebevoll beschrieben hat. Der Mensch sei „nicht einmal im Traum frei“, sagt einer von ihnen einmal. „Sogar die Unbeweglichkeit des Steines ist keine Freiheit, denn der Stein existiert nur so lange, bis er zu Sand zerrieben wird. Jeder Mensch ist der Sklave und Gefangene seines Lebens.“ Bodrow braucht diese Sätze nicht, er kann die Erfahrung seines Helden in und zwischen den Bildern sichtbar machen. Der Mensch, der wie ein Stein ist, der zu Sand verrieben wird: Das ist ein präzises Bild für den stummen Sascha, wenn er wieder einmal die Beschimpfungen und Demütigungen erträgt, ohne aufzubegehren.

Was dem Jungen bleibt, ist die List, die, so Adorno über Odysseus, dann besteht, „daß der Kluge die Gestalt der Dummheit annimmt“. List, dieser „rational gewordene Trotz“, bedeutet: „Abenteuer zu bestehen, sich wegzuwerfen, am sich zu behalten“. Für Sascha ist das Ausreiten der Zweck, der jedes Mittel rechtfertigt. Alles erträgt er für die kurzen Augenblicke, die ihm die Flucht ermöglichen. Einmal tut er so, als habe er einen Nagel verschluckt. Auf der Krankenstation verschwindet er dann schnell, zwischen zwei Röntgenaufnahmen.

Das aufregendste Motiv dieses Films ist das staunende Schauen des jungen Ausreißers, wenn er am Fenster der Züge steht, die ihn weiter nach Norden bringen, und nach draußen blickt. Eine Neugierde ist da in seinem Gesicht zu entdecken, die er sich sonst nie gestattet. Er genießt dieses Schauen, als gewähre die Landschaft ihm für einen Moment die utopische Freude, selbst Teil eher freien Natur zu sein. Es ist wie in Dylans Lied von dem verfolgten und doch glücklichen Streuner: „My trip hasn’t been a pleasant one / And my time it isn’t long, / And I still do not know / wbat it was that I’ve done wrong.“

Bodrow läßt keinen Zweifel daran, daß alles, was er zeigt, momentan geschieht, zur Zeit der Perestrojka. Gorbatschow ist auch in diesem Film gegenwärtig: als Photo an den Wänden, als Redner im Radio, als Bild im Fernsehen. Spuren der großen Umgestaltung hat Bodrow keine gefunden. Nur Hinweise darauf, daß alles bleibt, wie es bisher schon war. Seine Mutter, so der Vater, habe einst fünf Gurken gestohlen und dafür fünf Jahre bekommen, für jede Gurke ein Jahr, so sei er im Gefängnis zur Welt gekommen. Als Erwachsener sei er dann selber im Gefängnis gelandet. Sascha schwindelt seinem Vater vor, für ihn sei alles anders, er besuche eine höhere Schule. Dann müsse er ihn verleugnen, sagt der Vater, damit er keine Schwierigkeiten bekomme. Saschas Antwort: „Aber wer sagt sich denn vom Vater los?“