Als Zeitungsleser weiß man ja Bescheid. Man liest und liest und vergißt und liest wieder und wieder und weiß: Böses überall – die Contras, die Amerikaner in Panama, die Chinesen auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die knüppelnden Bergarbeiter in Bukarest und die Kirgisen und die Usbeken, die Armenier und die Georgier und die Israelis. Und die Türken. Die Türken? Die Kurden! Gewiß doch – wenn weit hinten in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen... Doch dann liest man plötzlich weiter. Was geschah da? Nichts weiter, als daß einem Volk seine Kultur .verboten wurde.

Der Täter ist bekannt. Es ist der Ministerpräsident Turgut Özal. Als sich ein junger Oppositionspolitiker vor zwei Jahren erdreistete, für die Kurden zu sprechen, wurde seine Rede niedergebrüllt und von Pultdeckelgeklapper überdröhnt; ein Abgeordneter der Regierungspartei spuckte ihm ins Gesicht. Worum es ging? Um die kulturelle Identität der Kurden, um ihre Sprache.

Nein, denkt man, nein, das kann nicht sein, das ist unmöglich, das ist undenkbar! Und siehe, die Türken ließen sich ja doch erweichen. Inzwischen dürfen die Kurden untereinander wieder kurdisch sprechen, ungestraft, dürfen sich sogar Kurden nennen, die Medien dürfen über „die Kurden“ berichten, wenngleich nur auf türkisch. Doch halt: Es ist den Kurden – wie der Vorsitzende des Helsinki-Komitees, der dänische Rechtsprofessor Siesby, kürzlich berichtete – auch weiter untersagt, das Kurdische „zur Verbreitung von Informationen“ zu verwenden.

Das heißt: kurdische Zeitungen – verboten. Flugblätter – erst recht (wer könnte die kontrollieren). Gedichte, Romane, Sagen, Historie, kurzum: Literatur – verboten. Eine Zeitschrift, die einige Seiten mit kurdischen Texten enthielt – beschlagnahmt. Die Lehre des Kurdischen in der Schule – verboten. Selbst ein uralter nordanatolischer Dialekt des Kurdischen, das Kurmandschi – nicht erlaubt.

Als der kurdische Bürgermeister der Stadt Diyarbakir sich 1988 vor einem Gericht auf kurdisch verteidigte, fuhr ihn der Militärstaatsanwalt an: „Es gibt keine kurdische Sprache, sondern nur einen Haufen ursprünglich türkischer und mit der Zeit veränderter Wörter. Deren Verwendung belegt definitiv nicht die Existenz einer kurdischen Rasse und Sprache auf türkischem Territorium.“ Ein Sänger, der vor einigen Monaten kurdische Lieder vortrug – Auftrittsverbot. Ein Kurde, entdeckt mit einem kurdischen Buch – zu jahrelanger Haftstrafe verurteilt. Nicht genug: Begräbnisfeiern für die Angehörigen – untersagt. Wie umschrieb das Professor Siesby? Sein Leben auf traditionelle Weise einzurichten, bringe „Schwierigkeiten“. Siesby, unlängst wieder dort gewesen, sagt, er habe sich „wie in einem besetzten Land“ gefühlt. Drei Diplomaten neulich: wie Schnüffler verhaftet, stundenlang festgehalten, ausgewiesen – nach Ankara.

Nein, das – das hat nicht einmal der rabiate Apartheidstaat Südafrika fertiggebracht, den Schwarzen ihre eigene(n) Sprache(n) zu nehmen und ihnen das gedruckte Wort, ihre Literatur zu verbieten. Selbst den brutalen Cromwell-Briten war das niemals in den Sinn gekommen. Sie haben die Iren zwar auf die perfideste Weise kujoniert, aber ihr Gälisch haben sie ihnen gelassen.

Die türkische Regierung aber tut so was. Mit internationalen Folgen? Nun ja, es gibt eine Helsinki-Kommission, ein bißchen Jammer hier, einen Seufzer dort, ein, zwei Leitartikel, schon vorüber: kein Proteststurm in der Uno, keine internationale Anklage gegen Turgut Özal, einen Sprachdieb, einen Kulturverbrecher. Denn es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einem Volk seine Kultur zu rauben, den schriftlichen Gebrauch der eigenen Sprache mit Zuchthaus zu bestrafen.