Ab und zu laden die Bonner Studenten einen Politiker ein, hören ihm zu und sagen ihm, was sie von ihm halten. Willy Brandt denkt amüsiert zurück, daß sie ihn fragten, wie er darauf komme, daß zusammengehöre, was jetzt zusammenwachse. Horst Ehmke rügte den Staatsvertrag und warb für Lafontaine. Und Gregor Gysi kam gerne und neugierig, so sagt er jedenfalls in den Beifall und die Pfiffe hinein, um über „Deutschland, schwierig’ Vaterland“ zu diskutieren.

Die Juso-Hochschulgruppe spielt den Gastgeber mit schlechtem Gewissen. Wieviel Ärger es wegen des Gastes gegeben hat, läßt sich einer wortreichen Rechtfertigung entnehmen, die von der „Eigenverantwortlichkeit“ der Juso-Studenten handelt, von der Ablehnung des Unterfangens durch die Bonner SPD und vom Mißverständnis, es solle Werbung für die PDS getrieben werden.

Kleines Trostpflaster: Die Gegendemo des RCDS fiel ins Wasser.

Der Hörsaal 17: proppevoll. Die Studenten: sportlich gesonnen und nicht auf den Mund gefallen. Weil er zunächst auf dem Podium sitzen bleibt, rufen sie: „Gysi, aufstehen!“ Als sich der kleine Mann folgsam erhebt und hinter das Pult tritt, rufen sie glucksend: „Gysi, aufstehen!“

Als Kontrahent dient Gert Weisskirchen, linker SPD-Parlamentarier, der sich mit jeder Menge Papier unter dem Arm nach vorne schiebt. Knapper Händedruck der Diskutanten. Hier fraternisiert niemand mit niemandem.

Gysi hat einen „offenen Brief“ an die SPD mitgebracht, in dem er die rhetorische Frage negativ beantwortet: „Haben wir das Recht, historische Chancen ungenutzt zu lassen?“

Die Krux mit dem Kapitalismus, sagt Gysi jetzt, sei dessen Reformfähigkeit gewesen – und das sei ein Verdienst der SPD. Aber was wird, wenn der Kapitalismus ohne den Stachel Sozialismus auskommen kann? Wer vertritt die Menschheitsinteressen gegen das Profitstreben und die Expansion von Wirtschaft und Industrie?