Es gibt kein Westgeld mehr. Daß das Ostgeld verschwindet – halb so schlimm; aber das Westgeld, das wird fehlen. Das Westgeld war – vor der Mauer – immer das Geld für die Extras, für das Besondere: für Westzigaretten, für Westkaffee, Westschokolade, für all die Herrlichkeiten, die man sich mal ausnahmsweise leistete. Auch für Dinge, die man nicht unbedingt brauchte – niemand hätte sein bißchen Westgeld für Brot oder Milch hergegeben –, die aber diesen West-Mythos trugen, die einen betören konnten, wenn man Kind genug war, sich betören zu lassen.

Viel hatte niemand von dieser Sorte Geld. Westgeld bekam man geschenkt, mal einen Zehner oder einen Zwanziger von den Westverwandten: Kauf dir was Schönes. Oder man erhielt es als Begrüßungsgeld, wenn man in den Westen reisen durfte. Selbstverdientes Westgeld blieb die Ausnahme.

Nach dem Mauerbau wandelte das Westgeld seinen Charakter. Der Westkiosk von nebenan war unerreichbar, die Westverwandtschaft auch, das Westgeld war eine nicht nur unerreichbare, sondern auch unbrauchbare Währung, bis die Lockerungen der Entspannungspolitik wieder Westbesucher ins Land ließen. Die kamen dann, wie man zu Besuch ins Gefängnis kommt, mit vollen Taschen und: Brauchst du noch irgendwas? Bananen und Schokolade als Trost, daß man an jenem 13. August auf der falschen Seite gewohnt hatte. Da schmeckten die Westsachen schon ganz anders.

Und dann auch noch die Intershops: Es war nichts Heimliches mehr daran, wenn man vom Westen naschte, es wurde toleriert, mehr noch, gefördert. Sich mit der besseren Seife in den Westen zu träumen – das war nichts mehr, womit man dem Allvater Staat eine Nase drehen konnte, es war gutstaatsbürgerliches Verhalten.

Der Westen pumpte Milliarden in ein Staatswesen, das nicht auf westliche Art funktionierte, wo das Geld also nur versickern konnte (ich kenne eine Funktionärsvilla, in der kein Klodeckel und keine Türklinke aus dem Osten stammt). Höhere Funktionäre bekamen ihre regelmäßige Devisenzulage, oder sie durften in Spezialläden Westwaren einkaufen. Für treue Dienste gab es ein Westauto. Westgeld als erstrangiges Korruptionsinstrument auch im Volke, für gesuchte Ersatzteile, für Handwerker, für Lebensnotwendiges. Für alles Rare, und das war nicht wenig. Westgeld als allgemeines Schmiermittel, an dem die ganze Heuchelei der Staatspartei, die täglichen Demütigungen der DDR-Existenz klebten.

Nein, man muß es wohl doch nicht bedauern, daß nun das Westgeld zugleich mit dem Ostgeld verschwindet. Nur eines ist fatal: daß die D-Mark dem Westgeld so ähnlich sieht. Es könnte sein, daß man das neue Geld nicht ernst genug nimmt. Bisher war man ja mit dem Nötigen versorgt, mit hochsubventionierten Wohnungen, Lebensmitteln und Krankenversicherungen. Und mit einem sicheren Arbeitsplatz, der einem zu jenem Zirkulationsmittel verhalf, das große Ähnlichkeit mit Bezugsscheinen hatte. Das neue Geld hat aber weder mit den alten Bezugsscheinen zu tun noch mit dem Westgeld, dem es so ähnlich sieht.

Unter seinem Gesetz wird sich das ganze Leben ändern: Für die Extras wird nicht viel bleiben. Das Gesetz dieses Geldes führt jeden an seine Grenzen – den Leistungsfähigen an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit, den Leistungsunfähigen an die Grenze des Existenzminimums. Manche werden diesem Geld ein gehobenes, ein westliches Selbstbewußtsein verdanken, die anderen werden’s verfluchen als die Hürde, die zu hoch gelegt ist.

Das ist dann kein Geld mehr für Zuckerzeug und Brandy, das ist nichts, wovon man gelassen absehen könnte. Das neue Geld wird sein, was West- und Ostgeld niemals waren: der Mittelpunkt des Daseins. Martin Ahrends