Bahnhof Hamburg-Altona. Planmäßige Abfahrt des Intercity Deichgraf: 11.44 Uhr. Der Zug wird hier eingesetzt. Wir sind zu zweit im Abteil. Zwei reservierte Fensterplätze, beinahe Fußkontakt; aber nur verstohlene Blicke. Bloß kein Gespräch.

Mein Gegenüber ist schlank, trägt einen Blazer und eine randlose Brille. Kaum hat sich unser Zug mit einem sanften Ruck in Bewegung gesetzt, öffnet er den Verschluß seines Köfferchens und zieht ein maschinenbeschriebenes Papier heraus, das er sich sofort vor die Augen hält. Der kleine Koffer bleibt, nun wieder geschlossen, auf dem unreservierten Mittelplatz unseres Abteils liegen.

Meine Gegenwehr ist eher bescheiden. Ich habe die ZEIT vor Augen, und wenn ich umblättern muß, dann weht ihm eine der unhandlichen Zeitungsseiten übers beschriftete Papier. Er bleibt cool, läßt sich überhaupt nicht stören. Bis zu dem Augenblick, in dem wir, im Hamburger Hauptbahnhof, einen neuen Gast bekommen.

Der schwitzt, obwohl es gar nicht heiß ist an diesem Tag. Wie er sich da so durch die Abteiltür zwängt, hätte selbst ein wohlwollender Betrachter zugeben müssen, daß er einen dicken Bauch besaß. „Noch was frei?“ – Aber bitte, ja.

Er setzt sich, sehr überraschend, auf einen der beiden Mittelplätze, obwohl die beiden Sitze am Gang frei und unreserviert sind. Unser Fensterplatz wird etwas enger. Und weil der Wohlbeleibte auch noch die Beine ganz weit ausstreckt, was ihm eine halb sitzende, halb liegende Position verschafft, rafft mein Blazer-Gegenüber sein Köfferchen zusammen, um es im Gepäcknetz zu deponieren. Kein Wort selbstverständlich, aber deutlich sichtbares Kopfschütteln.

Nun sind wir sozusagen zu viert. Denn die beiden Mittelplätze sind ja durch den Neuen blockiert, weil er sich ausstrecken muß, um seinen Bauch nicht einzuklemmen. So kann er seinen Hosenbund geschlossen lassen. Und dann, kurz hinter Hamburg, greift er in seine ziemlich abgewetzte Aktentasche. Zugegeben, ich habe im ersten Augenblick befürchtet, er wurde sich ein Käsebrot oder etwas Ähnliches herausnehmen. Aber statt dessen bringt er ein Buch zum Vorschein, dessen Titel ich, mit einem verstohlenen Blick, gerade noch mitbekomme, bevor er die Seiten aufschlägt: „Das Schloß“ von Kafka.

Der Intercity rollt gen Hannover. Eine völlig veränderte Situation seit Hamburg. Mein Gegenüber wird immer kleiner, mein Mittelplatz-Nachbar immer eindrucksvoller. Der Dicke liest sein Buch viel intensiver als der Dünne seinen Wirtschaftsbericht. Und er verschafft sich auf seinem mittleren Polster offensichtlich eine Insel der Seelenruhe, völlig unansprechbar. Nichts kann ihn stören. Weder der Schaffner, der die Karten verlangt, noch der Mann aus dem Speisewagen, der Kaffee anbietet. Er reicht sein Billett mit der linken Hand, ohne auch nur einen Moment den Blick aus seinem Buch zu erheben. Beim Kaffee-Angebot reagiert er überhaupt nicht.