Von Karl-Heinz Janßen

Nach dem Zusammenbruch der braunen Diktatur kamen rasch Bücher auf den Markt, in denen ehemalige Mitarbeiter des NS-Regimes aus dem zweiten oder dritten Glied berichteten, wie es hinter den Kulissen der Macht ausgesehen hatte. Sie befriedigten fürs erste den Informationshunger der Deutschen, die jahrelang von der Propaganda getäuscht und belogen worden waren. Ahnliches ist nun nach dem Zusammenbruch der roten Diktatur in der DDR zu registrieren. Als einer der ersten veröffentlichte der ehemalige Chefredakteur des Gewerkschaftsblattes Tribüne, Günter Simon, private, heimliche Aufzeichnungen aus seiner Amtszeit 1981 bis 1989 – unverändert, wie er beteuert, und wirklich liest sich nicht alles schmeichelhaft für ihn. Das Büchlein ist eine Fundgrube: Charakterisierungen der Herrschenden; Einblicke in den Mechanismus der Presselenkung; Stimmungsbilder aus kritischen Tagen, als Breschnjews Großmachtchauvinismus oder Gorbatschows Perestrojka, Walesas Massenbewegung oder Oppositionsgruppen im eigenen Lande, Helmut Kohl, SPD und Grüne das SED-Regime verunsicherten.

Simon schätzt seine eigenen Möglichkeiten, als Chefredakteur etwas zu bewegen, äußerst bescheiden ein, aber dank seiner Stellung war er doch immer erstklassig informiert: Er saß im Bundesvorstand des sogenannten Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) und in der Agitationskommission beim Zentralkomitee der SED, wo die täglichen Sprachregelungen und Presserügen verteilt wurden, und er war Gast bei den Sitzungen des FDGB-Sekretariats, wo er vom Vorsitzenden Harry Tisch jeweils das Neueste aus dem SED-Politbüro erfuhr.

Simon vergleicht die Zustände an der FDGB-Spitze mit einer Atmosphäre „wie bei Hofe“ – seine Notizen erinnern stark an die Tagebücher friderizianischer Höflinge aus der Endphase des preußischen Absolutismus: Klatsch, verhaltener Ärger, Eitelkeiten, Speichelleckerei, Kabalen, Zynismus. Alle denken sich ihr Teil, schweigen aber hübsch still, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Hinter dem Rücken der Mächtigen sind alle Funktionäre mutig, in deren Angesichte aber heucheln sie Loyalität. Im Witz sucht sich die verdrängte Wahrheit ihr Ventil: „Wer nichts macht, kann keine Fehler machen. Wer keine Fehler macht, wird gelobt und befördert. Wer befördert ist, braucht nichts zu machen.“

Simon selber ist als Redakteur durch „eine perfekte Selbstkritik“ – seine Kollegen sind stolz auf ihn – in die Gnade des Gewerkschaftsvorsitzenden gefallen, der ihm ein Parteiverfahren vom Halse hält („Ich habe das Bedürfnis, etwas Gutes für den Vorsitzenden zu tun“). Er wird Chefredakteur, aber damit ändert sich kein bißchen seine berufliche Situation, wie er sie zuvor erlebt hat: „Es ist zum Heulen mit unserer Journalistik. Irgendeine eigenständige Arbeit der Redakteure ist überhaupt nicht gefragt.“

Dauernd stehen die Redaktionen unter Druck. Die Mächtigen selber kümmern sich um jede Schlagzeile, monieren Bildunterschriften, ärgern sich über Karikaturen, wollen immer nur das Positive, verbannen Kritisches, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden läßt, auf die hinteren Seiten. Alltäglich muß der Chefredakteur mit Anrufen des Vorsitzenden rechnen, der seinerseits von Honecker oder vom Wirtschaftsboß Mittag gerügt worden ist: „Günter, du hast wieder eine schlechte Zeitung gemacht.“

Aus vielen, oft urkomischen Details entsteht ein Charakterbild des FDGB-Bosses Tisch, das typisch sein dürfte für manchen aus der Riege der überalterten Despoten: Er hat den Instinkt für die Macht, will ein Mann des Volkes sein, aber läßt sich durch die Macht korrumpieren; er umgibt sich mit unterwürfigen Kreaturen, die unter seiner Unberechenbarkeit und seinen Wutausbrüchen, seiner Menschenverachtung und seiner Verlogenheit leiden; er kompensiert seinen eigenen Frust, indem er seine Leidenschaften – Frauen, Jagd, Bauen – auslebt und zur Flasche greift.