Das zwielichtige Verhalten eines Aids-Therapeuten

Von Justin Westhoff

Angeblich ist sie gefunden, die „nebenwirkungs- und folgeschädenfreie“ Therapie der Immunschwächekrankheit Aids. „Das Schöne an der Sache: Den Patienten hilft’s wirklich.“ Daß die Wunderwaffe bis heute Zehntausenden HIV-Infizierten und Aids-Kranken vorenthalten wird, liege an einer Art Mafia aus verbohrten Schulmedizinern, ruhmsüchtigen Forschern, bestechlichen Beamten, raffgieriger Pharmaindustrie und wohl auch hörigen Medien. Dieser ungeheuerlichen „Skandalchronik“ kam Prinz auf die Spur, ein zeitgeistiges Stadtmagazin, das mit einer Gesamtauflage von etwa 400 000 mittlerweile in den zehn wichtigsten Metropolen der Republik vertreten ist.

Von einer „siebenmal billigeren Alternative“ als die herkömmliche Behandlung mit AZT schwärmt das Magazin. Was Prinz da befördert, ist die „Eigenbluttherapie“ von Professor Herbert Brüster, Direktor des Zentralinstituts für Blutgerinnung und Transfusionsmedizin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Für die Eigenimpfung (Autovakzination) entnimmt Brüster den HlV-infizierten Patienten T- und B-Lymphozyten, weiße Blutkörperchen, die im Abwehrsystem eine zentrale Rolle spielen. Eine drastische Verringerung der von HI-Viren vorzugsweise infizierten T-Helferzellen ist ein Charakteristikum des Immundefektes.

Durch Hitzesterilisation wird das entnommene Material samt Viren abgetötet. Das so behandelte Blut spritzt Brüster in mehreren „Vakzinationszyklen“ dem Spender selbst zurück. Seine Vorstellung: Dem Organismus werde auf diese Weise modifiziertes Virusmaterial „angeboten, um ihn in die Lage zu versetzen, entsprechend hochspezifische immunologisch wirksame Antikörper-Systeme aufzubauen“. Genau das vermag der Körper bei HIV, im Gegensatz zu den meisten anderen Infektionen, im allgemeinen jedoch nicht.

Kein Experte lehnt – angesichts der auch sonst mageren medizinischen Möglichkeiten – Brüsters theoretische Vorstellung rundweg ab. Indessen wird einhellig vor Eingriffen ins komplexe Immunsystem gewarnt, wenn keiner deren Folgen genau kennt. Die Immuntherapie der HIV-Infektion könnte auch zum Gegenteil des gewünschten Effektes führen, zur Anregung der virustragenden Zellen.

Was Brüster vor allem vorgeworfen wird, ist die mangelnde Dokumentation und Nachvollziehbarkeit seiner 1985 gestarteten Menschenversuche. Die letzten – und bisher einzigen – Arbeiten von ihm und seinen Mitarbeitern zu diesem Thema erschienen vor einigen Jahren in Blättern wie Die Heilkunst (wo er die Autovakzine als Teil der Ganzheitsmedizin deklariert) oder dem Deutschen Ärzteblatt. 1987 handelten sich Brüster und die Redaktion des offiziellen Organs der Bundesärztekammer damit eine Leserbriefflut ein.