Von Hans-Ulrich Stoldt

Nordenham

Nachts hören Ina und Winfried Korter oft das Rumpeln und Quietschen von Güterzügen. Ihre Wohnung liegt nur wenige hundert Meter von dem einzigen Gleis entfernt, das zum Bahnhof und dem davor gelegenen Weserhafen Nordenhams führt. Was genau in den vorbeirollenden Waggons verborgen ist, ahnen sie nur. Manchmal sind es Waffen. Diese werden ganz offiziell im privaten Nordenhamer Midgard-Hafen umgeschlagen und zu den Nato-Stützpunkten im Bundesgebiet transportiert.

Angst und bange wird den Korters um sich und ihre zwei Kinder, wenn sie an den Spätsommer denken: Dann nämlich sollen in sieben Nächten je zwei Züge mit überaus brisanter Fracht in Richtung Hafen rattern – beladen mit Giftgasgranaten.

Noch lagern die rund 400 Tonnen amerikanisches Kampfgas im rheinland-pfälzischen Clausen. Seit März ist klar, daß die teuflische Fracht mit der Bahn nach Nordenham gebracht, dort auf Schiffe verladen und zur Vernichtung zum Johnston-Atoll im Pazifik befördert werden soll.

Viele der 30 000 Einwohner im niedersächsischen Nordenham haben Angst – reicht doch das Nervengas theoretisch aus, um ganz Europa zu entvölkern. Was ist, wenn beim Transport etwas schiefgeht? Schließlich werden die in Spezial-Containern verpackten 102 000 Granaten in Sichtweite von Wohnhäusern und Einkaufsstraße aus der Bahn auf Schiffe umgeladen.

Die Tourismusbranche dieser von umweltbelastender Großindustrie gebeutelten Region sieht schwarz: Stichworte wie Blei, Asbest und Dünnsäure waren bislang keine werbewirksamen Knüller. „Kaum hatte sich Nordenham ein wenig erholt von dem schlechten Image, da ist es wieder in aller Munde durch die Verschiffung des hochgiftigen Nervengases“, klagt der Verkehrsverein Nordenham-Wesermündung.