Ein halbes Jahr nach Ceauşescus Fall: Die schwierige Suche nach der Wahrheit über die Vorgänge in der „Märtyrerstadt“

Von Bartholomäus Grill

Temesvar, im Juni

Die Arbeiterin Antonia geht nie ins Theater. Das muß sie auch nicht, denn das Theater kommt immer zu ihr. Heute abend zum Beispiel wird im Fernsehen ein dramatisches Stück gegeben, eine Inszenierung, die der Ansager mit Sport şi Violenta, Sport und Gewalt, betitelt. Es spielt in Neapel und Bukarest. Hauptdarsteller sind Maradona und Iliescu, der argentinische Fußballstar und der rumänische Präsident.

Soeben rollte noch ein Angriff der südamerikanischen Kicker auf das sowjetische Tor. In dieser Sekunde nun sehen wir die Attacken von hooliganii – nein, nicht aufs Stadion, sondern aufs Studio. In Rumänien heißen nämlich Demonstranten so. Redakteure wie Alexander Stark (Politik) oder Cornel Pumnea (Sport) – sie waren schon unter Ceauşescu auf Sendung – nennen sie auch Faschisten, Vandalen, Zigeuner, Barbaren oder einfach golanii, Taugenichtse. Molotowcocktails fliegen ins TV-Gebäude, Pflastersteine und stählerne Wurfgeschosse, groß wie Billardkugeln. „Letzte Lösung: eine neue Revolution!“ rufen die Massen draußen. Drinnen löschen einige Redakteure Zimmerbrände, andere stellen sich vor die Kamera und giften in die Wohnzimmer. Sport şi Violenta: „Es ist Theater, alles“, sagt Antonia.

Nach dem Schlußpfiff, Punkt 23.48 Uhr, erscheint Iliescu mit todernster Miene auf der Mattscheibe. Er spricht von einer explosiven Lage, von dramatischen Momenten und ruft alle „Brüder und Patrioten“ zum Kampf gegen die „Faschisten“ auf.

Was war geschehen an diesem Tag? Im Morgengrauen knüppelten Sicherheitskräfte jene standhaften Demonstranten nieder, die seit Wochen auf dem Universitätsplatz der Hauptstadt gegen das neue Regime und dessen alte Methoden protestiert hatten. Tagsüber strömten Tausende empörter Bürger in die Innenstadt; Militär und Polizei droschen wild auf sie ein. In ohnmächtiger Wut gingen die Regierungsgegner schließlich auf Polizeistationen, das Innenministerium, die Fernsehzentrale los. Dann suchten die vom Präsidenten gerufenen Patrioten die Kapitale heim, um das zu retten, was sie für Demokratie halten: Bergarbeiter aus dem Hinterland, denen Iliescus Nationale Rettungsfront höhere Löhne als so manchem Chefarzt sichert.