Edward A. Tenenbaums nie veröffentlichte, hochaktuelle Erinnerungen an die Währungsreform

Von David Schoenbaum

Seit Beginn des Jahrhunderts „hat Deutschland unter Währungsunstabilität gelitten oder war schmerzlich damit beschäftigt, sich davon zu erholen“, schrieb seinerzeit Edward A. Tenenbaum. Er ist heute fast gänzlich vergessen, doch zählt er zu den Ziehvätern der D-Mark. Seine keinesfalls antiquarisch anmutenden Notizen über die Währungsreform vom 21. Juni 1948 – eigentlich der Entwurf eines nie zustande gekommenen Buches – entstanden Ende der fünfziger Jahre. Danach blieb das Manuskript jahrelang auf dem Familienspeicher liegen. Heute, an der Schwelle zur dritten großformatigen Währungsreform in diesem Jahrhundert, gehört Tenenbaums Bericht zu den anregendsten Betrachtungen zur deutschen Währungspolitik, die nie erschienen sind.

Edward A. Tenenbaum, Jahrgang 1921: Knapp dem Abiturientenalter entwachsen, erwarb der Wunderknabe schon 1942 das Diplom der Yale University. Die Fakultät hat seine Abschlußarbeit als jahresbeste prämiert; sie erschien im Universitätsverlag und landete viel später als Teil seines Nachlasses in der Truman-Präsidentschafts-Bibliothek. Der Titel, „Nationalsozialismus und internationaler Kapitalismus“, war bezeichnend für die Einstellung des jungen Verfassers.

Mit seltener Konsequenz schaute der 21jährige Autor dem Nationalsozialismus aufs Maul: „Das System einer kontrollierten Privatwirtschaft“, vermerkte Tenenbaum, gründe auf „einer Idee, die auf ihre Weise so revolutionär war wie die marxistischen Ideen, die Sowjetrußland beseelten. Diese Idee war die Vormacht des Staates über die wirtschaftlichen Kräfte.“

„Hier wird erzählt, wie die Verhältnisse des internationalen Kapitalismus Deutschland zum beispiellosen Herausforderer seiner eigenen Existenz werden ließen“, schrieb der Student gleich im Vorwort: „Diese Geschichte, die von Dummheit, Mangel an Voraussicht, Selbstsucht, blinden Eifersüchteleien und Größenwahn handelt, ist so unangenehm wie unsere Zeiten.“ Nicht von ungefähr sollte er schon wenige Monate nach Kriegsende Ludwig Erhard entdecken und aufspüren, der – wie sich dann herausstellte – noch die Meinung vertrat, daß Preiskontrollen wohl auf Jahre hinaus unumgänglich wären.

Weit davon entfernt, die Pervertierung der Wirtschaft als Nebenerscheinung zu betrachten, hielt sie der Autor für ein Wesensmerkmal des Nationalsozialismus, ja für die Triebkraft seiner imperialistischen Freßgier. Selbst eine Kreatur der wirtschaftlichen Verformungen nach dem Ersten Weltkrieg, mästeten sich die Nazis laut Tenenbaum an den Anfälligkeiten und Verfügbarkeiten ihrer europäischen Nachbarn. Sollte der Nationalsozialismus nun endgültig niedergerungen und überwunden werden, folgerte er, dann sei das nur möglich im Rahmen eines neuen internationalen Systems, das die Wirtschaft vor der Selbstsucht des Staates bewahren und deren Eigengesetzlichkeit wieder achten und anerkennen würde.