Von Dorothea Hilgenberg

Luckenwalde/DDR

Wenn der Lehrer Peter Voigt aus dem brandenburgischen Dorf Stülpe zum Blumenpflanzen in den Garten geht, sucht er Gehweg und Beete automatisch nach Granatsplittern ab – vor allem, wenn nächtlicher Schießlärm wieder einmal seine Ruhe gestört hat.

Vor sechs Jahren wurde er von einer Granate getroffen, die sowjetische Soldaten von einer Rampe nahe dem fünf Kilometer entfernten Jänickendorf abgeschossen hatten. Der Lehrer war durch ein dröhnendes Pfeifgeräusch vom Schreibtisch aufgeschreckt, und als er sich die Verwüstung ansehen wollte, schlug bereits eine zweite Granate ein: Dreizehn Splitter bohrten sich in seinen Körper, einer davon dicht am Herzen. Er wurde operiert, hat aber noch immer Schmerzen. Schadensersatz gab es nicht.

Voigt lebt am Rand eines 25 Kilometer langen und 15 Kilometer breiten Truppenübungsgebietes der sowjetischen Streitkräfte. Das Gelände, Heidehof genannt, beginnt bei der 60 Kilometer südwestlich von Berlin gelegenen Kreisstadt Luckenwalde, reicht im Süden bis zur Kasernenstadt Jüterbog und im Osten bis zur Ortschaft Baruth im gleichnamigen Urstromtal.

Auf dem Heidehof-Territorium gibt es Kasernen zur Unterbringung der Soldaten, einen Abwurfplatz für Bomber, einen durch Sandhügel eingegrenzten Schießplatz für Artillerie und Infanterie und endloses Wüstengebiet für Panzer.

Wenn Truppen aus anderen Teilen der DDR für mehrere Tage oder Wochen zum Üben auf das Heidehof-Territorium abkommandiert werden, fürchten die Bewohner von Jänickendorf, Hobeck, Stülpe und Baruth auf der einen Seite und von Merzdorf, Petkus, Ließen und Markendorf auf der anderen Seite des Militärgebietes um ihren Frieden. Doch nicht nur vom Heidehof droht Unruhe. Da die 600 bis 800 Einwohner zählenden Ortschaften auf dem Ring um Berlin liegen, auf dem sich ein sowjetisches Sperrgebiet an das andere reiht, jagen häufig auch Flieger aus Nachbargegenden über sie hinweg: Im Nordosten bei Sperenberg ist der größte sowjetische Militärflughafen der DDR, und im Westen des Heidehof-Gebietes beginnt bereits das nächste Truppenübungsgelände, Forst Zinna, mit den gleichen Einrichtungen, den gleichen Gefährdungen.