Von Dieter E. Zimmer

Die DDR war bekanntlich ein „Leseland“. Ein Leseland, weil die Literatur die Sprache gelegentlich auf Dinge brachte, die offiziell beschwiegen werden mußten. Ein Leseland auch, weil sonst alles so langweilig war.

Beide Gründe hat die Wende im Nu hinfällig gemacht. „Sie sehen ja, im Augenblick haben die Leute anderes zu tun“, sagt Karl-Heinz Jügelt, der Direktor der Universitätsbibliothek Rostock und Präsident des Bibliotheksverbandes, mit einer allumfassenden Gebärde hin zur Straße, zum Brunnen der Lebensfreude (oder war es „Lebenslüge“?). Ich hatte es gerade gesehen. Eine Frau, die an einem der umlagerten Verkaufsstände für überteuerten Westramsch ein paar Handtaschen hatte mitgehen heißen, war im Schwitzkasten zur „VP“ geschleppt worden. Die PDS hatte unter einem lustig roten Sonnenschirm für ihre Vergangenheit Reklame gemacht und an den Ständen daneben manches Probepäckchen für die marktwirtschaftliche Zukunft. Aus einem Mietlastwagen war aus vollen Händen Reader’s Digest verschenkt worden. Die längste Schlange aber hatte die Theorie von den überlegenen Wonnen des Westsex versammelt: Sie wartete vor einem Lkw von Beate Uhse darauf, einen Katalog kaufen zu dürfen. Überall gierige, bange Jahrmarktsstimmung.

Die Wende hat den Bibliotheken West-Berlins einen jähen Benutzeransturm eingebracht, auf den sie in keiner Weise eingerichtet waren. In den ersten Tagen nach der Öffnung der Mauer kamen sie zaghaft und fragten schüchtern vor allem nach jenen Büchern, von denen sie wußten – nämlich daß sie zu Hause nirgends zu finden waren: Stefan Heym, Alexander Solschenizyn. „Sie konnten es gar nicht fassen, daß sie alles finden, zu allem Zugang haben, alles ausleihen können, sie stellten sich geduldig zwei oder drei Stunden lang am Anmeldeschalter an, sie stürzten sich auf Reise- und Computerbücher, auf Wirtschaft und Politik, auf Sprachkassetten, eigentlich auf alles außer Marxismus-Leninismus, sie räumten unsere Regale leer. Es war die reinste Schlußverkaufsatmosphäre. Viele unserer alten Westberliner Leser hat sie verscheucht.“

Bibliothekare sind im allgemeinen panikferne Menschen, aber Milan Bulaty, der stellvertretende Direktor der Amerika-Gedenkbibliothek, der größten Berliner und wohl auch deutschen Freihandbibliothek, macht kein Hehl daraus, daß die Schmerzgrenze überschritten ist. All die Jahre hatten sich hier jeden Tag etwa achtzig neue Leser eintragen lassen; im Dezember und Januar waren es plötzlich sechshundert. Nein, es sei schon bewegend gewesen, dieser Andrang, diese Menschen, die ohne die westliche Anspruchshaltung stundenlang Schlange standen, sich auf unabsehbare Wartelisten setzen ließen; einige Ältere hätten sogar die Bücher zurückgebracht, die sie vor dreißig Jahren ausgeliehen hatten und nach dem Bau der Mauer dann nicht mehr zurückgeben konnten. „Aber so geht es auf die Dauer nicht. Unsere Bibliothek ist nicht mehr, was sie war. Sie ist nur noch ein Rumpf.“

Spitzenleser

Der Leserflut in den Westberliner Bibliotheken entspricht die Leserebbe in denen der DDR, besonders den öffentlichen. Die Stadt- und Kreisbibliothek in Jüterbog, in einer alten Klosterkirche untergebracht, gilt als besonderes Prunkstück. Auch sie ist praktisch leer. „Zum Lesen haben die Leute jetzt keine Muße“, sagt die Leiterin. „Wenn dann wollen sie Zeitungen. Und zwar nicht die hiesigen.“ Im übrigen ist sie beunruhigt. Bisher sind die Mittel reibungslos und nicht zu knapp aus Berlin geflossen. In Zukunft werden die Gemeinden nicht nur nominell, sondern auch finanziell die Träger der öffentlichen Bibliotheken sein, und es ist in der Tat zu erwarten, daß sie an den Büchereien, die eine zentrale Planung ihnen beschert hatte, ein unterschiedliches Interesse nehmen werden, manche ein geringes. Was bisher eine Einrichtung so selbstverständlich und unvergänglich wie Schule oder Schlachthof schien, sieht sich erstmals gezwungen, den neuen Verantwortlichen die Existenzberechtigung auseinanderzusetzen. „Na hoffntlich werdn wa nich zujemacht!“ Aber nicht nur Bibliothekare reden heute so; fast die ganze DDR tut es, und mit Grund. Einige Bibliotheken – „Sozialschnickschnack“ – wurden bereits geschlossen.