Im fernen Spanien erholt sich Oskar Lafontaine. Ein Buch will er schreiben über das moderne neue Deutschland, europäisch gesonnen und nicht national zentriert, eine Regierungserklärung nach seiner Art. Zwischendurch schwebt er wohl in Rom ein, falls die deutschen Fußballer zum Weltmeisterschaftsendspiel auflaufen. An Einfällen mangelt es ihm auch weiterhin nicht, oder?

Die Pressekonferenz Hans-Jochen Vogels in Bonn kann er gar nicht anders als mißvergnügt verfolgt haben. Auch die Machtfrage, wer im Herbst einer wiedervereinigten SPD vorstehen soll, ließ sich also nicht übers Knie brechen. Das Rätsel ist nur: Was eigentlich haben die beiden an jenem Sonntag in Saarbrücken „einvernehmlich“ verabredet, und wer hat sich jetzt eines anderen besonnen?

Die Idee, Lafontaine und nicht Vogel der gesamtdeutschen SPD voranzustellen, ist nicht in Saarbrücken ausgekocht worden. Sie wurde dem Kandidaten von seinen Freunden nahegebracht, als der im Absprung begriffen schien; das war um Pfingsten herum., Lafontaine hielt den Gedanken für nützlich, um aus der Bredouille herauszukommen, in die er mutwillig geraten war (Nein zum ersten Staatsvertrag mit der DDR im Bundestag, Ja im Bundesrat).

Dann reiste Vogel zu einem jener wenig erfreulichen Rapports nach Saarbrücken und unterbreitete den Vorschlag, als wäre es seiner, Motto: Wenn Du, Oskar, meinst, Dir sei damit geholfen, stehe ich, Hans-Jochen, Dir nicht im Wege. Jetzt heißt es, Lafontaine habe aufmerksam zugehört, gedankt und sich nicht festgelegt. Natürlich paßte ihm in den Kram, daß die Verabredung als Junktim für seine Kandidatur verstanden wurde.

Der Irrtum des Kandidaten bestand darin, daß er Vogel für das Problem in Person hielt und nicht sehen wollte, wie wenig die SPD nach seinem Wunsch das Nationale hinter das Soziale stellen wollte.

Vogel neigte vorübergehend zur Resignation. Er rappelte sich auf, weil ihm subjektiv Gerechtigkeit widerfuhr („So kann man mit Vogel nicht umgehen!“) und weil nicht nur die Traditionskompagnie gegen Lafontaine murrte. Er konnte sein Angebot widerrufen, als die Autoritäten in der SPD lieber ihn als Lafontaine als Gesamt-Vorsitzenden sehen wollten.

Willy Brandt sieht keinen Sinn darin, der SPD einen Willen aufzuzwingen. Johannes Rau kennt die Schwierigkeiten eines Kandidaten aus leidvoller Erfahrung und riet dennoch zur Vogel-Lösung. Björn Engholm vervollständigte die kompromißbereite Troika. Und Lafontaine behauptete erst gar nicht, daß er nur als Parteivorsitzender die Wahl gewinnen könne. Das Junktim verflüchtigte sich, als wäre es keines gewesen.