Von Maria Huber und Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juni

Der Prolog zum 28. Parteitag der KPdSU, der in der kommenden Woche beginnen sollte, geriet zum Epilog auf die Reformfähigkeit der Kommunisten. Der Gründungskongreß der russischen Partei dauerte nur fünf Tage, aber er stellte die Uhren um mehr als fünf Jahre zurück, auf die Zeit vor Gorbatschow. Die neue KP der RSFSR, die elf Millionen Russen unter den neunzehn Millionen KPdSU-Mitgliedern in ihren Reihen hat, stellte sich gegen die Entwicklung in Europa. Sie entschied sich für den chinesischen Weg. Das Echo an der Parteibasis, in Parlamenten und Öffentlichkeit war so verheerend, der Schock ging so tief, daß die Verschiebung des 28. Parteitags am Dienstag abend nicht mehr auszuschließen war.

Fünf Tage lang hatte die leninistisch-orthodoxe Front mächtiger Gebietssekretäre und konservativer Militärs die Abkehr von Markt und Modernisierung proklamiert: zurück zum „demokratischen Zentralismus“ und proletarischen Internationalismus. Sie bekannte sich zu Klassenkampf, Revolutionsnostalgie, Imperialismustheorie und zur Einigkeit von Volk und Führung unter einer nichtparlamentarischen Avantgarde-Partei. Garniert mit Lippenbekenntnissen zu Perestrojka und Pluralismus triumphierte ein monströser Provinzialismus, der erneut ein politisch autarkes Rußland gegen die übrige Welt stellte und den „gesunden Kräften“ der Arbeiterklasse die Rettung von Staat und Gesellschaft übertrug.

Die KP der RSFSR konstituierte sich ohne Statut und Programm und wählte ihre leitenden Organe ohne Beteiligung der Grundorganisationen der KPdSU in der russischen Republik. Sie stellte mit dem 55jährigen Iwan Poloskow einen notorischen Kreuzzügler gegen die Reformen an die Spitze, der sich unmittelbar nach seiner Kür als Mann der Mitte und ehrlicher Makler anbot. Der wirkliche Mann der Mitte, der überraschend eindrucksvolle Gegenkandidat Oleg Lobow, blieb mit 1066 Stimmen gegen 1396 Stimmen für Poloskow ohne Chance – damit war er freilich erfolgreicher, als es die Stimmung unter den kommunistischen Dogmen-Hüten überhaupt erwarten ließ.

Vier von fünf Beiträgen kamen aus dem konservativen Lager. Voller Pathos diskutierten die rund 2750 Delegierten über mögliche Gesetzesinitiativen zur Verteidigung der Ehre Lenins. Die ideologische Inbrunst führte so weit, daß selbst der Chef der orthodoxen Leningrader Parteiorganisation und Geburtshelfer der russischen Partei, Boris Gidaspow, auf Distanz ging. Er beklagte im Gespräch das niedrige politische und kulturelle Niveau des Auditoriums: In solch einer rechten Ecke habe die Partei kaum Überlebenschancen.

Kein Wissenschaftler von Format, kein führender Gebietsvertreter Rußlands begründete die Notwendigkeit der Partei oder die Vorzuge ihres Ersten Sekretärs. Kein Redner analysierte kompetent das brennendste Problem des Landes, die Wirtschaftskrise. Statt dessen empfahlen die Konservativen, die Massen zu mobilisieren, die Zahl der Kooperativen zu vermindern, die soziale Ungleichheit anzuprangern und das Dorf als „Hort der Heimat“ zu restaurieren. Michail Gorbatschow begehrte auf, als er einem bisher beispiellosen Verhör durch die provinziellen Revolutionshüter vor Millionen Fernsehzuschauern unterworfen wurde. Mit der Handkante schlug er auf den Stapel von Zetteln, die mit provozierenden Fragen gespickt waren: Wenn sich kein Marktsystem entwickle, bliebe einzig die Hoffnung auf ein Wunder. In schneidendem Ton, wenn auch nicht ganz bibelfest: „Wer von uns ist Jesus Christus? Nur Jesus Christus konnte 20 000 Menschen mit fünf Brotlaiben sättigen.“