Von Roger de Weck

Am 1. Juli beginnt ein neues, schwieriges und großartiges Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Das Vorhaben, binnen kurzer Frist den heruntergekommenen Osten Deutschlands wieder aufzurichten, ist zum Erfolg verurteilt. Das Leben der 16,5 Millionen DDR-Bürger wird sich verändern, und für die allermeisten wird es eine Wendung zum Besseren sein. Die Umstellung auf eine sehr fordernde und doch viel menschenfreundlichere Wirtschaftsordnung wird der Mehrzahl der Ostdeutschen leichter fallen, als es die Skeptiker wahrhaben wollen; eine gewichtige Minderheit aber wird sich schwertun. Es brechen hoffnungsvolle und zugleich harte Zeiten an.

Diese Zeiten zwingen die Deutschen vorerst, das zu tun, was ihnen nicht sonderlich liegt. Sie müssen mehr improvisieren denn organisieren, schnell statt gründlich sein. Sie haben keine andere Wahl, als unberechenbare Risiken einzugehen. Es sind Monate, vielleicht Jahre der Ungewißheit in einem Land, das wie kein anderes nach Sicherheit dürstet und nach Komfort.

In der DDR war die Wende überfällig. Doch manchen kommt sie jetzt „überstürzt und überhastet“ vor. Im Lob der Langsamkeit schwingt die Überzeugung mit, daß allmähliche Entwicklungen immer vernünftiger sind als jähe Umbrüche. So argumentieren selbst diejenigen, denen einst der erhoffte Systemwechsel vom Kapitalismus zum Sozialismus nicht schnell genug gehen konnte.

Um einen Systemwechsel in umgekehrter Richtung handelt es sich nun im Fall der DDR. Und es wäre verheerend, wenn er sich in die Länge zöge. Selbst die polnische Regierung, die auf sich allein gestellt ist und nicht einfach die eigene Währung durch ein Zahlungsmittel wie die D-Mark ersetzen kann, hat sich für ebenso schnelle wie schmerzliche Wirtschaftsreformen entschieden. Selbst die ČSFR möchte aus der tschechoslowakischen Krone so rasch wie möglich eine konvertible Währung machen. Der Streit über das Tempo des Wandels in der DDR und die Zweckmäßigkeit einer sofortigen Währungsunion war – wie so manche deutsche Debatte – eher weltfremd. Die ostdeutschen Wähler, die sich bei der Volkskammerwahl zu 75 Prozent für die unverzügliche Ankoppelung ihrer Volkswirtschaft an die der Bundesrepublik (und mithin der Europäischen Gemeinschaft) ausgesprochen haben, sind zwar unerfahren, aber nicht dumm. Sie wissen, daß sie es weitaus besser haben werden als ihre osteuropäischen Nachbarn.

Es gereicht Helmut Kohl zur Ehre, daß er – selten genug in der wirtschaftsbesessenen Bundesrepublik – das Primat der Politik über die Ökonomie durchgesetzt hat. Fast alle Volkswirte hatten sich hierzulande gegen die Währungsunion verwendet, und fast alle plädierten gegen den Umtauschkurs von eins zu eins. Sie hielten sich an ökonomische Theorien, die den staatspolitischen Erfordernissen kaum Rechnung trugen. Der Bundeskanzler ließ sich von den Fachleuten nicht beirren und legte ein schlüssiges Konzept vor, das in den Verhandlungen mit der DDR keine wesentlichen Änderungen erfahren hat. Das Versagen der Opposition, die zwischen pauschaler Ablehnung und Detailkritik schwankte, deutet darauf hin, daß es kein realistisches Gegenkonzept gab. Jedenfalls hat es niemand vorgelegt.

Ohnehin war es ausgerechnet eine SPD-Politikerin, Ingrid Matthäus-Maier, die als allererste – in einem Artikel für die ZEIT – eine deutschdeutsche Währungsunion vorschlug. Anfang März verabschiedeten die Sozialdemokraten einstimmig, also auch mit der Stimme Oskar Lafontaines, ihren Plan „Wege zur deutschen Einheit“; darin wurde die Forderung nach einer baldigen sozial abgesicherten Wirtschafts- und Währungsunion erhoben.