Natürlich: Ob die Stalin-Noten von 1952 ernst gemeint waren (er bot dem Westen die Wiedervereinigung Deutschlands an, gegen die Neutralität Deutschlands mit kleinem, natürlich nicht atomarem Heer), wird die Historiker immer wieder beschäftigen. Was man aber verlangen kann, sind neue Argumente – die Archive verbergen sicherlich noch viele. Kein neues Argument bringt der Artikel von Rolf Steininger (Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in Innsbruck) in der ZEIT vom 15. Juni 1990. Steininger veröffentlichte seine Thesen schon 1983 („Deutsche Geschichte 1945-1961 – Darstellung und Dokumente“) und 1985 („Eine vertane Chance – die Stalin-Note vom 10. März 1952 und die Wiedervereinigung“). Mit beiden Büchern hat sich die ZEIT ausführlich auseinandergesetzt (Nr. 17/1984 und Nr. 49/1985). Jetzt beginnen die Gebetsmühlen.

Nur kurz deshalb sollen unsere Einwände wiederholt werden:

Stalins Noten kamen, als nach mehreren Verhandlungsjahren der Vertrag zwischen den drei Westmächten und der Bundesrepublik formuliert war und zur Unterzeichnung anstand. Der Vertrag verbündete die Bundesrepublik mit den Westalliierten und der Nato. Die Teilung Deutschlands, lange diskutiert, wurde damals ein ganzes Stück mehr festgeschrieben, der Anspruch auf Wiedervereinigung dagegen ausdrücklich akzeptiert.

Adenauer und die Westmächte lehnten Stalins Angebot sogleich ab; sie unterzeichneten am 26. Mai 1952 den Deutschlandvertrag. Steininger und manche andere meinen, man hätte zuerst mit Moskau verhandeln und feststellen müssen, ob Stalin es mit diesem Angebot ernst meine. Das wiedervereinigte, wenn auch neutralisierte Deutschland sei ein gutes Verhandlungsziel gewesen.

Damals war ich CDU-Abgeordneter des Bundestages. Als die Note kam, prüfte die CDU-Fraktion gerade die Bestimmungen des Deutschlandvertrages. Die Stalin-Note ließ uns einen Moment jubeln: Man müßte (meinten wir) sich nur hart zum Westen bekennen, dann würde Moskau schon weich werden. Bald aber kamen Bedenken: Was, wenn Stalin uns nur – wie immer zuvor – an der Nase herumführen, Verhandlungen beginnen und dann scheitern lassen wollte? Konnten wir dann die Verhandlungen mit den Westmächten neu aufnehmen? Oder würden wir dann allein stehen? Man beschloß also, die CDU-Fraktion solle sich darüber unterrichten. Abgeordnete wurden ausgesucht, die Meinung der in Bonn vertretenen Westmächte zu hören. Ich sollte zu McCloy gehen, damals der Hohe Kommissar der Amerikaner.

Der Besuch verlief eindeutig. McCloy war erschrocken über den Gedanken, die Unterzeichnung des Deutschlandvertrages aufzuschieben und zuerst von den Sowjets zu hören, ob sie uns nicht Besseres zu bieten hätten. McCloy (etwa): „Wir können und werden Sie nicht daran hindern, uns nach Hause zu schicken“ (zur Unterzeichnung sollten die Vertreter der Westmächte – Dean G. Acheson, Anthony Eden und Robert Schuman – nach Bonn kommen). „Wenige Jahre nach Kriegsende haben Sie erreicht, daß die westlichen Sieger den entsetzlichen Krieg und seine Folgen vergessen und sich mit Ihnen als Gleiche verbünden wollen. Kehren Sie uns jetzt den Rücken, zeigen Sie, daß Sie Moskau vorziehen, dann ist die mühsam hergestellte Freundschaft zwischen uns zerbrochen.“

So heute meine sehr deutliche Erinnerung – die Gegenseite war erbittert. Kann das überraschen? Was stellten wir uns eigentlich vor? Wer waren wir damals ohne die Freundschaft des Westens, um denen jetzt einen Korb zu geben? Man stelle sich den Wutschrei vor, wenn die eben begnadigten Deutschen die Vertreter der Alliierten vor die Tür setzten.