Von Judith Reicherzer

Das Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Staaten ist Geschichte – eine alte Geschichte. Experten aus aller Welt haben in der Vergangenheit die Rechner heißlaufen lassen, um die beiden Wirtschaftssysteme Zahl für Zahl miteinander zu vergleichen. Das banale Ergebnis ihrer Bemühungen: In der DDR ist das Bruttosozialprodukt pro Einwohner geringer als in der Bundesrepublik. Wie groß aber der Rückstand des sozialistischen Deutschlands war, darüber konnten sich die Fachleute nicht einigen. Erwirtschaftet ein DDR-Bürger nun nur 43 Prozent von dem, was ein Bundesbürger schafft, oder sind es 83 Prozent? Die Weltbank, die für 1980 einen Wert von 70 Prozent vorgeschlagen hatte, zog ihre Berechnungen schließlich Mitte der achtziger Jahre zurück. Den Washingtoner Statistikern erschienen die von den osteuropäischen Regierungen gelieferten Daten als so zweifelhaft, daß sie auf eine Fortsetzung der Sozialproduktberechnungen für alle RGW-Länder verzichteten.

Seit Anfang dieses Jahres nun arbeiten die Wiesbadener Experten aus dem Statistischen Bundesamt und ihre Ostberliner Kollegen daran, die gesamtwirtschaftlichen Daten des neuen, zusammenwachsenden Deutschlands einheitlich zu berechnen und damit vergleichbar zu machen. Nach der Währungsunion wollen sie erstmals versuchen, seriöse Daten über den Außenhandel zu ermitteln. Die Statistiker stehen vor einer gewaltigen Aufgabe. Die Probleme reichen von unterschiedlichen Erhebungsmethoden bis zu verschiedenartigen Begriffsdefinitionen.

So wird ganz unterschiedlich definiert, wer zu den Erwerbstätigen zählt. Die DDR-Statistik war – dank Planwirtschaft – zum Teil viel detaillierter als das bundesdeutsche Pendant. Im Statistischen Jahrbuch-Ost ist beispielsweise exakt aufgeführt, wie viele Wohnungen eine eigene Toilette haben und wie viele Kinder einen Krippenplatz – in der Bundesrepublik werden solche Daten – wenn überhaupt – lediglich von den zuständigen Ministerien herausgegeben. Die Arbeitslosenquote, aus der in der Bundesrepublik kein Hehl gemacht wird, ist umgekehrt in der DDR ebenso ein Geheimnis gewesen wie die Zahl der beschäftigten Ausländer. Und während im bundesdeutschen Jahrbuch detailliert die Verbrechensarten und Urteilssprüche aufgelistet sind, gibt es über Straftaten in der DDR keine offiziellen Angaben.

Einige Zahlen sind aber trotz allem einigermaßen vergleichbar. Sie beantworten zumindest in einigen Bereichen die Frage, was die Deutschen von den Deutschen unterscheidet. Statistisches Ergebnis: gar nicht so viel. Zum Beispiel trinken die Zonis soviel Bier wie die Bundis und essen genausogern ihren Sonntagsbraten. Allerdings sündigen sie doppelt bei Schnaps und Butter. Wohnungen sind hüben wie drüben Mangelware. Auch bei der ärztlichen Versorgung gibt es rein statistisch gesehen kaum Differenzen. Und der Wald ist auch im Osten krank. Selbst von der Sorge, das Volk könnte aussterben, werden die DDR-Bürger ihre bundesdeutschen Landsleute nicht befreien können. Trotz der vielen Krippen werden dort kaum mehr Kinder geboren als hierzulande.

Im nächsten Jahr werden die ersten gesamtdeutschen Werte in die internationalen Statistiken eingehen. Gesichert ist dann der deutsche Spitzenplatz im Bierkonsum, bei dem uns die Verfolger Tschechoslowakei und Dänemark auch nach der Wiedervereinigung nicht schlagen. Besser als die Bundesrepublik wird das neue Deutschland auch bei der Versorgung mit Kinderkrippenplätzen dastehen, und auch die hohe Frauenerwerbstätigkeit in der DDR wird die gesamtdeutsche Statistik in diesem Punkt beeinflussen.

In einigen Bereichen freilich drückt die Mitgift der DDR, die sie in ein vereinigtes Deutschland einbringt, ganz schön auf den Durchschnitt. Die Telephondichte wird im neuen Deutschland hinter der Österreichs liegen – und nur knapp vor Italien. Die Milchleistung der gesamtdeutschen Kühe wird sinken, und der Studentenanteil an der Bevölkerung ist international dann auch nicht mehr Spitze.