Von Olivia Pulsante

Lady Sybil Cuffe, Witwe des früh gestorbenen, hochsensiblen und intelligenten amerikanischen Diplomaten Bayard Cutting, und ihre junge, aber schon sehr kunstsinnige Tochter Iris gehörten einer einzigartigen, fast esoterischen angloamerikanischen Kolonie in Florenz an. Deren Mitglieder hatten sich in den nobelsten Florentiner Villen der Renaissance und in den Hügeln von Fiesole niedergelassen. Neben ihren verfeinerten Kenntnissen der italienischen Kultur, mehr noch neben ihren Kunstsammlungen, verblaßte so ziemlich alles, was der etwas verspießerte und meist verarmte florentinische Adel zu bieten hatte.

Olympische Figuren wie der amerikanische Kunsthistoriker und Sammler Bernard Berenson zählten zur erlesenen Kaste dieser Exilanten, Gertrude Stein und Eleonora Duse kamen zu Besuch. Iris Cutting lebte mit ihrer Mutter in einer Medici-Villa in Fiesole, in der Lorenzo der Prächtige seine musikalisch-poetischen Banketts gefeiert hatte. Der Zwölfjährigen wurde eine klassische humanistische Ausbildung zuteil, auf griechisch und lateinisch zugleich.

Etwa zwölf Jahre später fand sich Iris Cutting in einer gottverlassenen, unfruchtbaren Ecke der südlichen Toskana wieder: nunmehr mit anderen Fragen im Kopf als den Finessen von Veronese und Tiepolo oder Sapphos Ode an Aphrodite.

Iris hatte Antonio Origo geheiratet, einen jungen römischen Grafen, den es drängte, Landmann zu werden. Beide waren 24 Jahre alt und zu Pioniertaten bereit, wie sie Iris’ Vorfahren mütterlicherseits in den Vereinigten Staaten vollbracht hatten. Sie kauften ein seit Jahrhunderten vernachlässigtes Landgut. Die Erde war überwiegend schlecht, das Wasser knapp, die meisten Zuleitungen verfielen. Das riesige Gelände wurde von 27 Kleinbauern in Halbpacht mehr schlecht als recht bewirtschaftet.

Das war genau die Aufgabe, nach der Iris und Antonio gesucht hatten: Sie sollte ein Leben lang dauern. Sie tat es. In jahrzehntelanger Schufterei verwandelten die Origos die Einöde, die sie vorgefunden hatten, in eine liebliche, funktionierende, auch einigermaßen ertragreiche Besitzung.

Hinter dem Gutshaus „La Foce“ aus dem 15. Jahrhundert legte Iris einen berühmt gewordenen Garten an, der die strengen Buchsbaumquadrate der klassischen italienischen Parks mit der wuchernden Blumenfülle englischer Gärten bereicherte.