Von Elisabeth Wehrmann

Luther Campbell kommt aus dem schwarzen Ghetto von Miami, aus dem Elendsviertel von „Liberty City“. Als Junge war er Bandenchef mit den besten Aussichten auf eine kriminelle Karriere, bis er entdeckte, daß der heiße Rap eine Sprache war, mit der er nicht nur leben, sondern sogar die Verhältnisse, die ihn fesselten, zum Tanzen bringen konnte. Luther Campbell schaffte den Sprung aus dem tödlichen Zirkel von Armut, Drogen und Gewalt, indem er den Dreck, den Misthaufen auf der dunklen Seite des etablierten weißen Kulturkreises mit Wut und Witz in Text und Rhythmus verwandelte. Er baute eine Rap-Band auf, gründete eine erfolgreiche unabhängige Plattenfirma und ließ die schwarzen kids und die weißen Teenager, die inzwischen seine Platten zu Millionen kaufen, wissen, sie könnten so frech, so rotzig sein, wie sie nur wollten.

„As nasty as they wanna be“, das letzte Album von Campbells Gruppe „2 Live Crew“ sagt kurz und kräftig, was Sache ist: „Dies ist der Sound aus dem Underground / frisch von der Straße weg / der Ghetto-Stil mit dem arschharten Beat / Verse ohne Vorbehalte / die sagen wie es ist“, und rät denen, die es nicht hören mögen, „den Schwanz einzuziehen und abzuzischen“.

Das genau aber taten die Hüter der öffentlichen Moral nicht. Jack Thompson, ein Aktivist im Kreuzzug für das saubere Amerika, mochte die Gruppe noch nie, aber er hörte genau hin, erkannte eine grobe, zügellose Sexualität und schickte die Platte an den Sheriff Navarro von Broward County, Florida. Der Sheriff seinerseits zog auch keineswegs den Schwanz ein, sondern holte den Knüppel, den legalen wohlgemerkt, aus dem Sack. Er ließ einen Detektiv den Text abhören und Stellen zählen (87 Beschreibungen von oralem Sex, 116 Erwähnungen von weiblichen und männlichen Sexualorganen, zuzüglich akustischer Ejakulationen), fand einen Richter, der feststellte, es gebe starke Anhaltspunkte dafür, diese Platte für obszön zu erklären, und ließ seine Polizeibeamten in die Plattenläden ausschwärmen, um die Inhaber bei Androhung von Strafen vor dem Verkauf des gefährlichen Liedgutes zu warnen.

Die Drohung wirkte: In 28 Städten in Florida und in vier anderen Staaten wurde die Musik aus dem Verkehr gezogen. Daraufhin reicht „2 Live Crew“ Klage ein, fordert, den Vorwurf der Obszönität zurückzunehmen und die Verfolgung von erwachsenen Plattenhändlern und Käufern einzustellen. Am 6. Juni erklärt der Bundesrichter José Gonzales aus Fort Lauderdale (Florida) in einer 62 Seiten starken Begründung, die Platte sei obszön, das Produkt habe mit Kunst nichts im Sinn, sondern eher mit Gewalt, Perversion und einer mikroskopisch genauen Beschreibung menschlicher Genitalien. Am 8. Juni wird Charles Freeman, ein schwarzer Plattenladenbesitzer, in Handschellen abgeführt, weil er einem Polizeispitzel das Album verkaufte; am 10. Juni werden zwei Mitglieder der „2 Live Crew“ nach einem Konzert verhaftet. Inzwischen wieder freigelassen, warten sie auf ein Gerichtsverfahren, das ihnen bis zu einem Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe über tausend Dollar bringen kann. Zum ersten Mal in der Rechtsgeschichte der USA ist eine Musikaufnahme für obszön und damit illegal erklärt worden.

Rap, Mitte der siebziger Jahre in den schwarzen Ghettos von Brooklyn und der Bronx geboren, entwickelte sich aus der Subkultur des Hip-hop, wie Breakdance und Graffiti. Die kids ohne Geld und Ausbildung schnitten sich aus alten Platten ihre eigenen Melodien zurecht, mischten die mit hartem Beat auf und erfanden dazu die schnellen Sprechgesänge – Texte, die ihre Sprache aus der Gosse holen.

Was „2 Live Crew“ so rapt, muß aber nicht, wie Time behauptete, ausschließlich ein Produkt „aus der Perspektive des männlichen Schweines“ sein. Wenn die Gruppe klassische Kinderreime sexuell auflädt und erzählt, was Mama Bär und Papa Bär im Wald miteinander treiben, oder wenn sie berichten, was sie im „Fickladen“ erlebten, kling das so vertraut wie die Verse, die Peter Rühmkorf Ende der sechziger Jahre in der Bundesrepublik aus dem literarischen Untergrund sammelte und zum deutschen Volksvermögen erklärte. Wenn die Gruppe rassistische Stereotypen über afroamerikanische Sexualität aufbläst, zielt sie auf die jahrhundertealte Angstlust der Weißen und trifft offensichtlich voll ins Schwarze: „Er ist 38 cm lang und 20 cm dick / Nachname ist: Allmächtig / Vorname ist Dick / Dieser Dick ist ein Mutterficker / Dieser Dick ist ein langer Lutscher / Dieser Dick könnte die Weiber zum Wahnsinn treiben.“ Wenn ein Schwarzer über seinen Allmächtigen singt, ist das eben etwas anderes, als wenn ein Weißer sein Gewehr poliert.