Von Joachim H. Knoll

Firmengeschichte ist zu einem legitimen Bestandteil historischer Forschung geworden. Da gibt es natürlich auch die Schriften, die den säkularen Erinnerungsanlaß bejubeln, oder jene, die sich so ganz in die Denunziation einbinden, daß Betriebspolitik, so sie denn auch soziale Absicht erkennen ließ, eigentlich nur der Gewinnmaximierung gedient habe. Also hier die feierliche Gestelztheit, dort die anklägerische Attitüde. Geschichtsschreibung, wo sie der Sprache mächtig ist und differenziert zu denken vermag, verfährt da sorgsamer und abwägender. Diesem Typus von Firmengeschichte als Beitrag zur Sozialgeschichte ist diese Arbeit zuzuordnen.

Hier wird nicht Abrechnung mit der Vergangenheit aufgemacht, aber auch nicht beschwiegen, was der Firmengeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus zuzuschreiben ist. Vielen Firmen, dem Umfeld industrieller Revolution im 19. Jahrhundert entstammend, kann soziales Gewissen attestiert werden, auch Versuche von „Familien“-Bildung, die Solidarität stiften wollte und Bindung an das Unternehmen, das mehr sein wollte als nur Arbeitsstätte. Das gilt für Krupp, für Siemens und andere, wobei die Bindungskraft bis auf den heutigen Tag nachwirkt. Man denke etwa an die Siedlung in Essen-Kupferdreh und das Ambiente in Berlin-Siemensstadt.

Die Arbeit von Carola Sachse definiert Unternehmensgeschichte als Beitrag zur Sozialgeschichte und zur Industriesoziologie, auch zur Wirtschaftswissenschaft, und meint solchermaßen einen Forschungsansatz zu eröffnen, der „die generalisierende analytische Fiktion aufgibt und statt dessen herausarbeitet, wie Frauen und Männer spezifisch mit ihrer höchst unterschiedlichen Einbindung in Familien auf dem Arbeitsmarkt, in den Betrieben und in den sozialpolitischen Prozeduren zum Zuge kamen, bzw. von ihnen vereinnahmt wurden“. Man mag die Umständlichkeit der Sprache tadeln, der Erkenntnisgewinn ist indes demgegenüber so erheblich, daß man auf eine Studie dieser Art auch einer breiteren Öffentlichkeit gegenüber nicht verzichten möchte.

Besieht man sich die ausgebreiteten Materialien, so wird man der Firma Siemens zunächst eine sozialpolitische Bewußtheit unterstellen dürfen, die sich institutionell in der sozialpolitischen Abteilung der Siemenswerke ausdrückt. Unter den Wohlfahrtseinrichtungen sind fest geordnet: Bildungswesen, Sportförderung, Kinderfürsorge, Arbeiterfürsorge, Angestelltenfürsorge, Kranken- und Unfallfürsorge, Lungenfürsorge, Wohnungsfürsorge, Unterstützungswesen. Also insgesamt eine große Palette von sozialpolitischem Engagement, gewiß nicht nur aus Gründen schierer Fürsorglichkeit, sondern auch um Produktivkraft zu erhalten und zu regenerieren.

Übrigens geht solche Firmenpolitik bereits auf die Gründung der Firma zurück, findet im Ersten Weltkrieg unter der Formulierung „Mobilisierung der Frauen durch die Frau“ eine Verstärkung und mündet schließlich 1942 in den „Mutterschutz“ ein, der dem rassehygienischen Gedanken des Nationalsozialismus nicht fern war. Auch im Dritten Reich wird eine Sozialpolitik praktiziert, die in Anlehnung und Konfrontation mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF) stand. Auf der einen Seite die Fortführung sozialpolitischer Leistungsdienste wie betriebliche Gesundheitspolitik, Erholungsheime, Bekämpfung der Lungentuberkulose, Unfallschutz Betriebshygiene, Werksverpflegung, Gesundheitserziehung, Krankenkontrolle und auf der anderen Seite der Versuch, die Einvernahme durch die DAF zu begrenzen, der die Siemens-Sozialpolitik als Modell einer nationalsozialistischen Betriebspolitik plausibel zu sein schien:

„De Siemens-Sozialpolitik hatte aber nicht nur familienpolitische Auswirkungen, sondern griff auch gezielt in das Familienleben ihrer Objekte ein, vozu die Institution der ‚Betriebspflege‘, wie bei Semens die Werksfürsorge oder betriebliche Sozialarbeit genannt wurde, geschaffen wurde. Die institutionelle Verankerung und die funktionale Bedeutung dieser Einrichtung innerhalb der betriebs- und produktionspolitisch orientierten Sozialpolitik des Unternehmens rechtfertigen es, von betrieblicher Familienpolitik zu sprechen.“