Worum sich Gegner und Befürworter des „Schrottreaktors“ Stade streiten

Von Jeanne Rubner

Die Diskussionen um das Kernkraftwerk Stade, seit einem Jahrzehnt in der Schußlinie von Atomkraftgegnern, werden sich bald wieder entfachen. Denn die niedersächsische Landesregierung wird gemäß einer Koalitionsvereinbarung der SPD und der Grünen die Sicherheit des Atomkraftwerks erneut prüfen. „Wir halten Stade für unsicher“, sagte Ministerpräsident Gerhard Schröder kurz nach seiner Vereidigung in der vergangenen Woche. Sollten unabhängige Gutachter die Sicherheitsbedenken bestätigen, dann werde das Kraftwerk stillgelegt. Auch wenn die niedersächsische Regierung nicht die alleinentscheidende Instanz ist und Bonn ein Wörtchen mitzureden hat, mit heftigen Auseinandersetzungen ist zu rechnen. Denn die Meinungen prallen hart aufeinander: Als „Schrottreaktor“ bezeichnen Gegner das Kernkraftwerk, das mit knapp zwanzig Betriebsjahren eines der ältesten der Bundesrepublik ist. Ihr Hauptvorwurf lautet, der Reaktordruckbehälter mit den Kernbrennstäben sei versprödet und halte Belastungen in Notfallsituationen nicht mehr stand. Die PreussenElektra AG als Betreiber hält dagegen, das KKW Stade könne bis in das nächste Jahrtausend hinein ohne Sicherheitsbedenken gefahren werden.

Das Kernkraftwerk Stade an der Elbe bei Hamburg ist ein Druckwasserreaktor. In diesem weitverbreiteten Typ werden die Kernbrennstäbe mit Wasser auf rund 300 Grad gekühlt. Damit das Kühlwasser nicht verdampft, muß es bei einem Druck von etwa 150 bar den Reaktordruckbehälter durchlaufen. Das erhitzte Kühlwasser gibt seine Wärme an einen zweiten Wasserkreislauf ab, der damit eine Turbine antreibt.

Rund zehn Meter hoch ist der Reaktordruckbehälter mit einem Durchmesser von etwa vier Metern (siehe Zeichnung). Neben hohen Temperaturen und Drücken ist er auch einer starken Strahlenbelastung ausgesetzt. Bei den sich in einem Brennstab abspielenden nuklearen Kettenreaktionen trifft jeweils ein elementarer Kernbaustein, ein Neutron, auf einen schweren Urankern. Dieser spaltet sich in zwei leichtere Kerne, wobei wiederum Neutronen entstehen. Damit es zu weiteren Kernspaltungen und so zu einer Kettenreaktion kommt, müssen die erzeugten Neutronen abgebremst werden. In einem Druckwasserreaktor besorgt dies das Wasser, welches gleichzeitig die Brennstäbe kühlt. Ein Teil der Neutronen wird vom Wasser absorbiert. Dennoch bombardieren jede Sekunde rund dreißig Milliarden Neutronen jeden Quadratzentimeter Oberfläche des stählernen Reaktordruckbehälters.

Ständig entstehen Defekte

Treffen solche Neutronen mit hoher Energie auf die Atome im Stahl, so werden „Mikrobereiche“ kurzfristig aufgeschmolzen. Beim anschließenden schnellen Abkühlen kann es passieren, daß anstelle der regelmäßigen Ordnung im Kristallgitter des Stahls ungeordnete Bereiche, sogenannte Defekte entstehen. Dadurch nimmt die Zähigkeit des Stahls ab, und das Material des Druckbehälters wird spröde. Haarrisse und größere Risse können sich dann leichter bilden und ausbreiten. Daß Werkstoffe unter Strahlenbelastung verspröden, ist bekannt und wird beim Bau eines Reaktordruckbehälters einkalkuliert. Wäre keine zerstörende Strahlung vorhanden, so würde ein fünf Zentimeter dickes Gefäß ausreichen, um dem hohen Druck standzuhalten. Aus Sicherheitsgründen ist die Wand des Behälters zwanzig Zentimeter dick.