Von Peter Schneider

Am 14. März nahm ein seltsames Schauspiel die Aufmerksamkeit Westberliner Passanten gefangen. Auf der Mauer in der Nähe des Potsdamer Platzes lief ein zierlicher Mann in gefährlichem Tempo Richtung Südosten, wollte abspringen, drehte plötzlich auf dem Absatz um und balancierte im Laufschritt in die Gegenrichtung. Die Szene wirkte anachronistisch. Die Augenzeugen glaubten zuerst an ein billiges Remake jener Mauersprünge, die früher unter Lebensgefahr ausgeführt werden mußten.

Erst beim zweiten Hinsehen wurde deutlich, daß der Mann auf der Mauer keine Show im Sinn hatte. Unten, entlang der Westseite der Mauer, rannte ein DDR-Grenzsoldat wie ein Schatten mit. Wen er da mit welchem Recht in Gewahrsam nehmen wollte, fragten die Passanten. Der Soldat antwortete atemlos in Paragraphensprache: Internationale Verträge verpflichteten ihn, flüchtige Vietnamesen zu sistieren und zurückzubringen. Das anschließende Streitgespräch nutzte der Flüchtling zum Absprung. Der Grenzer rannte ihm eine ganze Weile nach.

Gleich in den ersten Tagen nach der Maueröffnung meldeten sich bei den Westberliner Behörden Hunderte Vietnamesen und baten um Asyl. Sie waren einzeln, ohne Paß und Koffer, im Schutz des Menschenstroms durch die geöffneten Grenzübergänge in den Westen gekommen. Bis Ende Mai waren es etwa 5000. ihr massenhaftes Erscheinen in West-Berlin war unter den vielen Merkwürdigkeiten nach der Maueröffnung vielleicht die überraschendste.

Basisinformationen dazu waren rasch ermittelt. 1980 hatte die DDR mit der Volksrepublik Vietnam ein Abkommen geschlossen. Es regelte den Aufenthalt vietnamesischer Facharbeiter. 1989 arbeiteten 60 000 vietnamesische Gastarbeiter in DDR-Kombinaten. Damit stellten sie das weitaus größte Kontingent von Ausländern in der von Fremden nicht eben überlaufenen DDR. Der Aufenthalt versprach außer Lohn wenig Gewinn, die Gäste entbehrten die gewöhnlichsten Bürgerrechte. Nach der Einreise wurden ihnen von der Botschaft ihres Landes die Pässe abgenommen. Sie wurden, ohne jeden Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, in kasernenartigen Bauten untergebracht, sogenannten „Altneubauten“, jeweils sieben Mann mußten sich eine „Dreiraum“-Wohnung teilen. Pro Bett zahlten sie dreißig Mark monatlich. Gemessen am DDR-Standard nicht gerade ein Freundschaftspreis: Dreizimmerwohnungen dieser Art sind für DDR-Bürger für weniger als hundert Mark zu haben.

Zusätzlich zur Miete und zur Steuer wurde jedem vietnamesischen Arbeiter ein Betrag von zwölf Prozent abgezogen, der für den Wiederaufbau Vietnams bestimmt war. Es tauchte die Vermutung auf, daß damit Schulden der Volksrepublik Vietnam an die DDR abgegolten wurden. Herabwürdigend war die Hausordnung in den Wohnheimen. Ein vielköpfiger Einlaßdienst sorgte dafür, daß keine Bewegung unbeobachtet blieb. Die „Betreuten“ konnten nicht einmal ihre eigenen Landsleute ohne vorherige Anmeldung empfangen. Auch das pünktliche Aufstehen morgens und die rechtzeitige Heimkehr abends wurden vom Einlaßdienst kontrolliert. Frauenbesuch war tagsüber erlaubt, aber die Überbelegung der Wohnungen sorgte in aller Regel für ein klösterliches Leben. Vietnamesinnen, die in der DDR schwanger wurden, mußten entweder in eine Abtreibung einwilligen oder die Heimreise antreten.

Über all dem blieb ein historisches Kuriosum beinahe unbemerkt: Einige Tage und Wochen später als die Deutschen feierten Tausende von Nord- und Südvietnamesen eine Art Minivereinigung im Westen. Der Exodus nach West-Berlin ist in mancher Hinsicht eine seltsame Spiegelung deutscher Erfahrungen. Erst allmählich erinnerte man sich, daß auch Vietnam für Jahrzehnte ein geteiltes Land gewesen war. Mit dem Sieg der Vietcong kam die Einheit 1975 im Sinne des kommunistischen Nordens zustande, aber damit war der politische und kulturelle Riß nicht verheilt. Der Zwangsvereinigung zogen Millionen von Südvietnamesen die Flucht aufs offene Meer vor – Hunderttausende kamen dabei um.