Martin Ahrends: Kleine DDR-Sprachschule (XIX)

U wie Unterhaltungskunst

Was als Unterhaltungskunst bezeichnet wurde, war keine spezifische Kunstform, sondern alles, was der Geselligkeit, Entspannung, Unterhaltung dienen konnte und irgendwie künstlerisch ambitioniert war. Zirkus, Varieté, Schlager, Rock, Chanson, auch die Diskotheken mit ihren eigens staatlich ausgebildeten „Diskosprechern“ oder „Schallplattenunterhaltern“ fanden sich in diesem großen Topf und unter einem warmen Regen staatlicher Subventionen. „Unsere Unterhaltungskunst“, wie sie in den Parteiberichten hieß, ward nicht umsonst so aufmerksam gefördert; im offiziellen Verständnis diente sie der „Befriedigung und Ausprägung sozialistischer Unterhaltungsbedürfnisse“ und bedurfte daher der Führung durch die SED.

Die Aufmerksamkeit der Partei galt dabei natürlich nicht nur dem Förderungswürdigen, etwa dem Zirkus Berolina oder dem Friedrichstadtpalast, dem Estraden-Ensemble der DDR oder verläßlichen Rockgruppen; sie galt auch auf Abwege geratenen Unterhaltungskünstlern, gegen die ein flächendeckendes Auftrittsverbot ausgesprochen werden konnte.

Unser – das Possessivum war beliebt in der Propagandasprache, es sollte ein großes Wir-Gefühl stiften („Unser sozialistisches Vaterland“, „unser Kampf für Frieden und Fortschritt...“), und es lieferte Paradebeispiele für den Hochmut und das Demokratieverständnis der Herrschenden („unsere Werktätigen“, „unsere Kinder und Jugendlichen“, „unsere Schriftsteller und Theaterschaffenden“). In einem DDR-Witz heißt es, daß die drei größten Staaten der Welt mit „U“ anfangen, nämlich: die USA, die UdSSR und Unsere Deutsche Demokratische Republik.

Jeder Plan war dazu da, um schließlich erfüllt und übererfüllt zu werden. Das Wörtchen „übererfüllen“ klingt so recht nach euphemistischer Produktionspropaganda; es gehörte zum Ritual, niemand, der schon mal einen DDR-Betrieb von innen gesehen hatte, nahm es ernst. Denn es meinte jene enthusiastische Arbeitsmotivation, die, laut Lenin, eine Grundvoraussetzung des Sozialismus ist, und die tatsächlich nie mehr als eine Sache heroischer Einzelkämpfer war. Utopischer Sozialismus ein Sammelbegriff für alle möglichen „vormarxistischen“ Theorien wie die von Morus, Campanella, Weitling, Fourier, Owen, galt als eine der theoretischen Quellen des Marxismus. Den „wissenschaftlichen Sozialismus“ als eine Utopie zu bezeichnen, galt als arges Sakrileg. Den Marxismus haben immer nur die westlichen Linken oder die östlichen Oppositionellen als Utopie begriffen, niemals aber die Orthodoxen, die realsozialistischen Machthaber. Den Realsozialismus mit der Marxschen Utopie in Zusammenhang zu bringen – das konnte nur mit einiger Ignoranz oder vom Westen aus gelingen.